Während Länder wie Israel, die Niederlande, Tschechien, Italien, Kanada oder auch 20 Bundesstaaten der USA ganz legal medizinischen Cannabis anbieten, gibt es in Deutschland immer noch große Vorbehalte gegenüber dieser Pflanze als Heilmittel. Um Marihuana als Medikament gegen verschiedene Beschwerden einnehmen zu dürfen, bedarf es eines Antrags beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Rund 300 Menschen in Deutschland haben bisher die Genehmigung für den Konsum von medizinischem Cannabis erhalten. Möglich ist dies, wenn andere herkömmliche Therapieformen nicht mehr helfen oder die Nebenwirkungen zu stark wären. Die Kosten für eine Therapie werden nicht von den Krankenkassen übernommen und gehen schnell in den drei- bis vierstelligen Bereich. Daher klagten fünf Schmerzpatienten auf das Recht auf Eigenanbau. Per Gerichtsurteil wurde im Juli 2014 entschieden, dass drei der fünf Anträge auf Eigenanbau vom BfArM zu bewilligen seien.

Die medizinische Wirkung ist seit Jahrtausenden bekannt

Warum Cannabis als Medizin in Deutschland immer noch ein so großes Tabu-Thema ist, bleibt indessen fraglich. Denn immerhin ist dessen heilende Wirkung schon seit Jahrtausenden bekannt und vielfach erforscht worden. Die ältesten Belege seiner medizinischen Anwendung finden sich in einem chinesischen Buch über Ackerbau und Heilpflanzen aus dem Jahre 2737 vor Christus. Darin wird berichtet, dass Kaiser Shen Nung das Harz der Pflanze einsetzte, um Verstopfung, Malaria, Gicht, Rheumatismus oder Frauenkrankheiten zu behandeln. Auch in einer 3500 Jahre alten Papyrus-Rolle aus dem alten Ägypten wird über die Anwendung von Cannabis als Heilmittel berichtet. Aus der Zeit des Mittelalters sind vor allem die Schriften Hildegard von Bingens bekannt, die sich thematisch mit Cannabis als Heilpflanze auseinandersetzen.

Durch einen Bericht des irischen Arztes William Brooke O’Shaughnessy von 1839 wurde Cannabis auch in der Schulmedizin als Heilmittel eingeführt. O’Shaughnessy konnte von der entkrampfenden und schmerzlindernden Wirkung nach der Verabreichung von Cannabis indica berichten. Er empfahl dessen Einsatz daraufhin bei Tetanus, Rheuma und Cholera. Auch gab es im 19. Jahrhundert Arzneimittel, die auf der Basis von Cannabis hergestellt wurden, wie das Schlafmittel Bromidia. Erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwand Cannabis zunehmend aus dem medizinischen Anwendungsbereich. Das lag einerseits an moderneren und wirksameren Medikamenten, die auf den Markt drängten und die fehlende Standardisierung der Cannabisarzneimittel offenkundig machten, und andererseits an den aufkommenden rechtlichen Einschränkungen, da Cannabis ob seiner rauschhaften Wirkung vermehrt als gefährlich eingestuft wurde. Manifestiert wurde das Verbot von Cannabis im Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel, das als internationales Vertragswerk die Betäubungsmittelgesetze von über 180 Staaten teilweise mitbestimmt.

Zunächst unter Strafe gestellt, nahm die wissenschaftliche Cannabis-Forschung Ende der 1980er Jahre wieder an Fahrt auf. Schon 1964 war es gelungen, den wichtigsten psychotropen Wirkstoff von Marihuana, THC, zu isolieren. Mit der Entdeckung des Endocannabinoid-Systems war ab Ende der 80er Jahre die Basis geschaffen, ein umfassendes Verständnis von der Wirkungsweise der Cannabinoide zu entwickeln und damit Cannabis auch in der Medizin wieder zu einem intensiven Forschungsgegenstand zu machen.

Bei diesen Krankheiten wird Cannabis als Medizin eingesetzt

Heute belegen zahlreiche Studien die Wirksamkeit von Cannabis als Medikament. Eingesetzt wird es bei ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern – von Krebs, Aids, Arthritis oder Rheuma bis zu Multiple Sklerose, Depressionen, Parkinson oder Epilepsie. Die Hauptwirkstoffe im Cannabis, die für die medizinische Anwendung von großer Bedeutung sind, Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), wirken dabei je nach Konzentration in zwei verschiedene Richtungen. Marihuana-Sorten mit einem hohen CBD-Anteil wirken beruhigend, schmerzlindernd und krampflösend. Sie werden daher bei der Behandlung von Muskelspasmen wie sie bei Parkinson und Multipler Sklerose vorkommen, chronischen Schmerzen, Arthritis und Rheuma aber auch gegen Entzündungen, Schlaflosigkeit und Ängste eingesetzt. Cannabis-Sorten mit einem hohen THC-Anteil wirken hingegen energetisch. Hier wird der dem Cannabis zugeschriebene High-Effekt eher spürbar. Sie spielen bei der Behandlung von Übelkeit zum Beispiel in Folge einer Krebs- oder Aids-Therapie eine Rolle und können appetitanregend wirken, helfen aber auch bei Migräne, Depressionen und ebenfalls chronischen Schmerzen.

Dass medizinischer Cannabis auch bei Epilepsie gute Erfolge erzielen kann, ist noch nicht so lange bekannt beziehungsweise wissenschaftlich belegt. 2012 entdeckten Forscher der Universität Reading anhand von Tierversuchen, dass drei Substanzen der Pflanze zur Verminderung und Kontrolle der Anfälle, die mit der Krankheit einhergehen, beitragen können. Darüber hinaus sind die auftretenden Nebenwirkungen weniger ausgeprägt als bei herkömmlichen Epilepsie-Medikamenten. Die gewonnenen Erkenntnisse führten zu einer Zusammenarbeit der Forscher mit der Pharmafirma GW Pharmaceuticals, um neue Behandlungsmethoden zu entwickeln und zu testen, die auf Basis von Cannabis die Symptome von Epilepsie behandeln.

Ein Fall in den USA scheint die Forschungsergebnisse aus Reading auch in der Anwendung am Menschen zu bestätigen. Dort wird aktuell eine Cannabis-Tinktur erfolgreich gegen epileptische Anfälle eingesetzt. Ein achtjähriges Mädchen, das unter 200 epileptischen Anfällen am Tag litt, lebt nach der täglichen Verabreichung einer geringen Menge Hanföl anfallfrei. Alle herkömmlichen Medikationen waren zuvor erfolglos verlaufen. Und auch der Zustand ihres Bruders, der unter einer milderen Form der Epilepsie leidet, verbesserte sich nach Einnahme des Hanföls. Die Nebenwirkungen bleiben dabei überschaubar. Berichtet wird von Müdigkeit und Appetitlosigkeit.

Die Therapie-Methode, die bei den beiden Geschwistern angewendet wird, ist jedoch nicht ganz legal. Weltweit gibt es nur wenige zugelassene Medikamente auf Cannabis-Basis. Dazu gehören Marinol-Kapseln, die in den USA Aids- und Krebspatienten verschrieben werden dürfen. Sie wirken gegen Übelkeit und regen den Appetit an. Hauptinhaltsstoff ist THC, das als Wirkstoff auch Dronabinol genannt wird. Ein zweites Medikament, das ebenfalls bei Aids-Patienten eingesetzt wird, ist Cesamet, dessen Wirkstoff Nabilon künstlich im Labor hergestellt wird. Epidiolex ist ein neu entwickeltes Cannabis-Medikament und wird zurzeit noch klinisch getestet. Hier ist Cannabidiol der Hauptwirkstoff. Eingesetzt werden soll es vor allem bei Menschen, die unter schwerer Epilepsie leiden.

Cannabis-Medikamente in Deutschland

Da Dronabinol in Deutschland als Betäubungsmittel eingestuft wird, sind Medikamente auf dessen Basis hierzulande nicht zugelassen. Es gibt jedoch Ausnahmen, in denen auch als Betäubungsmittel klassifizierte Stoffe von den Ärzten verschrieben werden dürfen. Unter anderem ist dies der Fall, wenn es der Forschung dient oder es für den Patienten kein anderes wirksames Mittel gegen seine Beschwerden gibt. In etwa 3.500 Patienten erhalten auf Grundlage dessen in Deutschland Cannabis-Wirkstoffe als Medikament. Als Arznei ist in Deutschland nur Sativex zugelassen. Dieses Präparat ist flüssig und wird in die Mundhöhle gesprüht. Es wirkt gegen Krämpfe und wird Patienten verschrieben, die an der Nervenkrankheit Multiple Sklerose leiden. Als Wirkstoffe sind sowohl THC als auch CBD enthalten. Als Mittel gegen Multiple Sklerose werden die Kosten der Therapie von der Krankenkasse übernommen. Wird es bei anderen Krankheiten verschrieben, muss der Patient die verhältnismäßig hohen Kosten jedoch selbst tragen.

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