Der Begriff Chemotherapie ist mit schweren Erkrankungen verknüpft und weckt naturgemäß Angstgefühle in den Menschen. Etwa 1,4 Millionen Menschen (2013) leben mit der Diagnose Krebs. Die Chemotherapie ist ungeachtet diverser Kritiken wegen der massiven Nebenwirkungen nicht mehr aus der Krebsbehandlung wegzudenken. Ein besseres Verständnis erleichtert die Entscheidung und den Umgang mit den damit verbundenen Problemen.

Chemotherapie seit mehr als 100 Jahren bekannt

In erster Linie wird Chemotherapie mit der Behandlung von Krebs assoziiert, wenngleich die Bedeutung, historisch gesehen, breiter gefasst ist. Paul Ehrlich (1854-1915) prägte diese Bezeichnung zu Beginn des 20. Jahrhundert allgemein für chemische Substanzen, die zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden: Sie haben das Ziel, Krankheitszellen und -erreger, im Wachstum und in der Ausbreitung zu behindern und schließlich zu zerstören. Es handelte sich um synthetisch hergestellte Verbindungen, die sich von den in der Natur vorkommenden ableiteten. Die ersten Medikamente dienten der Bekämpfung von Infektionskrankheiten, wirkten somit als antibakterielle Chemotherapeutika. 1907 wurde der erste Wirkstoff dieser Art entwickelt. Es handelte sich um eine organische Arsenverbindung, mit der die Syphilis therapiert wurde. Heute werden diese Medikamente in Abgrenzung zu denen, die für die Krebsbehandlung angewendet werden, als Antibiotika bezeichnet.

Zytostatika nicht nur bei Krebs verschrieben

In der Krebstherapie kommen während der Chemotherapie Zytostatika zur Anwendung. Zytostatika (griechisch: cyto, Zelle; statikos, zum Stehen bringen) hemmen das Wachstum der Zellen und die Zellteilung. Sie sollen die Krebszellen an der weiteren Ausbreitung hindern und ihre Vernichtung herbeiführen. Im Gegensatz zu operativen Methoden oder Bestrahlungen beschränken sich die Effekte nicht nur auf das Tumor-Areal, sondern auf den gesamten Körper. Zytostatika kommen nicht nur bei Tumorerkrankungen zum Einsatz. Häufig erhalten Patienten mit Autoimmunerkrankungen diese Medikamente. Autoimmunerkrankungen sind gekennzeichnet durch eine überschießende Reaktion des Immunsystems gegen körpereigene Strukturen (Gewebe, Zellen). Beispiele für solche Krankheiten sind:

  • Rheumatoider Arthritis
  • Psoriasis
  • Morbus Bechterew (entzündliche Veränderungen im Bereich der Wirbelsäule, die zu Versteifungen führt)
  • Multipler Sklerose
  • Morbus Crohn (entzündliche Darmerkrankung)

Die Dosis liegt deutlich unter der bei Tumoren eingesetzten, so dass die Nebenwirkungen geringer ausfallen.

Welche Veränderungen machen aus gesunden Zellen Tumorzellen?

Bei gesunden Zellen können durch Mutationen (lateinisch: mutare, verwandeln) Veränderungen im Erbgut auftreten, die zu neuen Eigenschaften führen. Werden dadurch die natürlichen Regulations- und Reparaturmechanismen außer Kraft gesetzt, können aus normalen Zellen Krebszellen werden. Gesunde Zellen teilen sich erst, wenn sie Signale durch entsprechende Wachstumsfaktoren erhalten. Krebszellen teilen sich unabhängig von diesen Signalen. Sie reagieren auch nicht auf Signale, die das Wachstum und die Zellteilung hemmen, damit das Gleichgewicht zwischen Neubildung und Zelltod gewahrt bleibt. Wachsen die neuen Zellen zu einem zusammenhängenden Gewebe, benötigt dies zur Versorgung mit Nährstoffen Blutgefäße. Die Bildung von Blutgefäßen ist normalerweise konstant und angepasst. Tumorzellen führen zu einer verstärkten Bildung neuer Blutgefäße. Mit Ausnahme bestimmter Blutzellen (beispielsweise Lymphozyten) verbleiben die Zellen an ihren Standorten im Körper. Tumorzellen bewegen sich und können in fremde Gewebe eindringen: Sie metastasieren.

Wirkung der Chemotherapie

Ziel ist es, die Wirkungen auf die Krebszellen zu beschränken und Veränderungen der natürlichen Zellen zu unterdrücken. Zytostatika können als Zellgift und auf Vorgänge innerhalb des Wachstums und der Zellteilung wirken. Zellteilung und -wachstum zeichnen nicht nur Krebszellen aus, sondern auch die gesunden. Zytostatika sind wirkungsvoller bei Zellen, die sich häufig und schnell teilen. Dazu gehören Krebszellen. Als systemische Therapie bietet die Chemotherapie Vorteile, wenn der Tumor nicht lokal begrenzt ist, beispielsweise bei Leukämien und Lymphdrüsenkrebs, oder in fortgeschrittenen Stadien, bei denen Tochtergeschwülste (Metastasen) auftreten. Mikrometastasen sind auf Grund der Größe oft nicht durch bildgebende Verfahren erkennbar, können jedoch von den Zytostatika erfasst werden. Ein Ziel der Chemotherapie ist der programmierte Tod der Tumorzellen, der nicht als rasche Vernichtung abläuft. Ein Grund sind die schwerwiegenden Komplikationen, die bei einer solchen Tumorlyse (Lyse, griechisch: lýsis, Auflösung), dem Platzen dieser Zellen, auftreten würden. Die dabei entstehenden Abbauprodukte würden den Körper vergiften, da die an deren Beseitigung beteiligten Nieren, das Blutgerinnungs- und das Immunsystem überfordert wären. Der Prozess von der Zellschädigung bis zum gezielten Abbau im Körper dauert vielmehr mehrere Tage. Deshalb kann das Ansprechen des Tumors nicht sofort nach Einnahme der Zytostatika sicher beurteilt werden.

Wodurch unterscheiden sich die einzelnen Medikamente?

Krebszellen durchlaufen verschiedene Phasen während der Zellteilung und inzwischen sind zahlreiche Faktoren bekannt, die dabei eine Rolle spielen. Mehr als 50 Substanzen, die die Zellteilung unterdrücken und an unterschiedlichen Stellen angreifen, werden als Medikament eingesetzt. Zu den gebräuchlichen Wirkstoffgruppen zählen:

  • Antimetabolite
  • Alkylantien
  • Enzymhemmer wie Topoisomerase- und Kinase-Hemmer
  • Mitosehemmer

Metaboliten stellen Zwischenprodukte dar. Antimetaboliten sorgen auf Grund ihrer strukturellen Ähnlichkeit dafür, dass sie wie die Originale behandelt werden, jedoch nicht deren Funktion übernehmen. Ein Beispiel stellen Wirkstoffe dar, die als Imitat der Nukleotide in die DNA gelangen. Sie werden während der Zellteilung anstelle der naturgemäß vorkommenden Bausteine eingebaut. Dies zerstört die Erbinformation der Krebszellen, so dass deren Wachstum und weitere Teilung herabgesetzt werden. Andere Antimetaboliten hemmen den Aufbau von Enzymen, die zur Herstellung der körpereigenen Bausteine notwendig sind.

Alkylantien sind Agenzien, die mit Alkylgruppen reagieren. Sie können sich mit Nukleotiden als Bausteine der DNA umsetzen. Dadurch werden sie derart modifiziert, dass sie wichtige Schritte der Zellteilung und  Vermehrung blockieren.

Der Topoisomerase Hemmer hat einen anderen Angriffspunkt. Die DNA ist ein sehr großes Molekül, das erst nach mehrfacher Verdrehung und dicht verpackt in den Zellkern passt. Diese Struktur muss aufgehoben werden, damit die Erbinformation abgelesen werden kann. Topoisomerasen sind Enzyme, die dies bewirken. Wird die Aktion der Topoisomerasen gehemmt, kann keine Zellteilung erfolgen und der Tumor wächst nicht weiter. Kombiniert mit alkylierenden Zytostatika kann der Effekt verstärkt werden.

Mit Hilfe von Mitosehemmstoffen lässt sich ebenfalls die Vermehrung der Zellen unterdrücken. Sie greifen während der Zellteilung ein. Zytostatika können darüber hinaus indirekt den Teilungsprozess behindern, indem sie den Stoffwechsel von Tumorzellen stören. Gegenspieler und Hemmstoff blockieren die Herstellung oder die Funktion von Proteinen, die für den Aufbau, das Wachstum und die Teilung der Tumorzelle benötigt werden. Als Kinasehemmer bezeichnete Chemotherapeutika binden sich an Rezeptoren oder Enzyme, die für das Krebsgeschehen von Bedeutung sind.

Nebenwirkungen und wodurch sie hervorgerufen werden

Angriffspunkte der Zytostatika sind wichtige Stoffwechsel- und Zellteilungsprozesse. Diese spielen allerdings auch bei gesunden Zellen eine wichtige Rolle. Wenngleich Zytostatika nicht spezifisch auf Krebszellen reagieren, werden diese stärker als das gesunde Gewebe geschädigt. Die Häufigkeit von Zellteilungen unterscheidet sich in Krebszellen und gesunden Zellen sowie zwischen Zellen verschiedener Organe. Zellen, die sich häufiger teilen, sind empfindlicher gegenüber der Wirkung von Zytostatika: beispielsweise die Schleimhautzellen im Verdauungstrakt und im Mund, die auf Grund der Beanspruchung ständig nachgebildet werden müssen. Andere Zellen, die ebenfalls regelmäßig ersetzt werden, befinden in den Haarwurzeln und im blutbildenden Knochenmark. Das Haar wächst in der Regel nach dem Absetzen der Medikamente wieder nach und die Übelkeit wird durch die Gabe begleitender Wirkstoffe gemildert. Der Einfluss auf die Blutbildung zeigt sich über eine verringerte Anzahl von roten und weißen Blutkörperchen (Erythrozyten, Leukozyten). Da die weißen Blutkörperchen für die Immunabwehr lebenswichtig sind, steigt mit einer sinkenden Anzahl die Gefahr von Infektionen. Die Erythrozyten transportieren Sauerstoff. Verringert sich deren Zahl, kommt es zu einer Anämie (auch: Blutarmut), mit Symptomen, wie herabgesetzter Leistungsfähigkeit und zunehmender Müdigkeit. Diese Störungen der Blutbildung werden regelmäßig kontrolliert und erfordern bei starken Auswirkungen sofortige Gegenmaßnahmen. Ist die anhaltende Erschöpfung mit Depressionen verknüpft, spielen oft zusätzliche Faktoren neben der Blutarmut eine Rolle.
Auf diese Weise sind die häufigsten Nebenwirkungen:

Haarausfall ist eine unschöne , aber nicht vermeidbare Nebenwirkung der Chemotherapie

Haarausfall ist eine unschöne , aber nicht vermeidbare Nebenwirkung der Chemotherapie

  • Haarausfall
  • Erbrechen, Übelkeit
  • Erschöpfungszustände, Leistungsminderung
  • Veränderungen im Blutbild
  • Erhöhtes Infektionsrisiko
  • Nagelveränderung
  • Durchfall
  • Fieber, Frösteln.

Nebenwirkungen können sich kurzfristig, zu Beginn der Therapie manifestieren, aber auch erst nach Jahren, als langfristige Effekte. Späte Schäden können die Nieren, die Leber, die Nervenzellen oder andere Organe sowie die Fortpflanzungsfähigkeit betreffen. Wie stark sie ausgeprägt sind, hängt von der Dosierung, der Art der Zytostatika sowie von der körperlichen und psychischen Verfassung ab. Die meisten Nebenwirkungen klingen nach der Chemotherapie wieder ab.

Entwicklung zielgerichteter Therapien

Um die Chemotherapie erfolgreicher zu machen und die Nebenwirkungen zu minimieren, arbeiten die Wissenschaftler seit Jahren an neuen Therapiekonzepten und Wirkstoffen. Dabei geht es um eine zielgerichtete Krebsbehandlung (englisch: Targeted Therapies), bei der das Wachstum des Tumors gehemmt, der Stoffwechsel in den Krebszellen gebremst und das Immunsystem aktiv wird. Die neuen Arzneistoffe sollen sich gegen spezifische Merkmale der Krebszellen richten und gesunde Zellen nicht beeinflussen.
Neue Kandidaten wirken als:

  • Signaltransduktionshemmer
  • Antikörpertherapie
  • Angiogenesehemmer
  • Tumorsuppressorgene

Signaltransduktionshemmer unterdrücken die Übertragung von Signalen, die nur für das Tumor-Wachstum eine Rolle spielen. Spezielle Tyrosinkinasehemmer setzen die Wachstumsrezeptoren auf der Oberfläche von Krebszellen außer Kraft, die durch Mutationen dauerhaft aktiv geworden und auf diese Weise für das ungebremste Wachstum entscheidend sind.

Andere Therapien setzen auf Antikörper, die gegen Rezeptoren auf den Tumorzellen gerichtet sind. Sie besetzen so die Stellen, über die sonst wachstumsfördernde Faktoren andocken. Diese

Eine Krebszelle (gold) wird attackiert

Eine Krebszelle (gold) wird attackiert

Antikörpertherapie gibt es für verschiedene Krebsarten. Sie wirken jedoch nur, wenn die betroffenen Signalwege bei dem Patienten tatsächlich eine Rolle spielen. Mit anderen Antikörpern wird versucht, die Ausbildung von Blutgefäßen (Angiogenese) zu unterdrücken. Antikörper spielen in der Immunabwehr ebenfalls eine Rolle. Sie werden vom Immunsystem produziert und können an körperfremde Strukturen anheften. Durch solche gezielten Bindungen werden Eindringlinge (Bakterien, Viren) unschädlich gemacht. Gelingt es, solche Antikörpermoleküle passend auf die Strukturen einer Tumorzelle zuzuschneiden, binden sie nur dort und lassen umliegende gesunde Zellen unberührt. Solche monoklonalen Antikörper gewinnen immer mehr an Bedeutung. Voraussetzung ist, dass die für den Tumor typischen Oberflächenmerkmale bekannt sind und in ausreichender Menge von der Krebszelle hergestellt werden. Eine andere Strategie nutzt die Fähigkeit bestimmter körpereigener Abwehrzellen, Eindringlinge und entartetet Zellen zu erkennen. Diese Zellen heißen dendritische Zellen, die Therapie wird Dendritische Zelltherapie oder Immuntherapie genannt. Dabei wird das eigene Immunsystem für den Kampf gegen den Krebs genutzt.

Erreicht ein Tumor eine bestimmte Größe oder bildet Metastasen, steigt sein Sauerstoff und Nährstoffbedarf enorm an. Für die Versorgung der Geschwulst werden neue Blutgefäße ausgebildet. Moleküle, die diesen Vorgang stimulieren, sitzen auf der Oberfläche von Blutgefäßzellen. Mit den entsprechenden Antikörpern werden diese gehemmt (Angiogenesehemmer) und die Gefäßneubildung eingeschränkt. Der Tumor wird nicht mehr im ausreichenden Maße versorgt und geht zugrunde.

Große Hoffnungen werden in Strategien gesetzt, die die Gene in Tumoren ausschalten. In normalen Zellen werden bei auftretenden Fehlern in der DNA Reparaturmechanismen aktiviert und Prozesse, die dafür sorgen, dass sie sich nicht ausbreiten. So wird vermieden, dass sich Mutationen ansammeln und das Risiko einer Krebsentstehung steigt. Gene, die dies verhindern, werden als Tumorsuppressorgene (lateinisch: supprimere, unterdrücken) bezeichnet. Die Reaktivierung solcher Tumorsuppressorgene könnte die DNA Reparaturmechanismen ankurbeln. Geschädigte Zellen werden repariert oder aussortiert. Andere genetische Manipulationen haben das Ziel, falsche Erbinformationen einzuschleusen und so Tumorgene auszuschalten. Diese als Antisense Strategie (lateinisch: gegen den Sinn) bezeichnete Verfahrensweise zeigte erste Erfolge in Studien. Entsprechende Medikamente sind bis jetzt jedoch noch nicht zugelassen.

Warum sprechen nicht alle Krebspatienten auf eine Chemotherapie an?

Für die Auswahl des Chemotherapeutikums werden Ergebnisse aus Studien zugrunde gelegt, die statistisch eine Heilung oder Besserung versprechen. Dennoch bedeutet dies keine Sicherheit. In einigen Fällen schlägt die Therapie gut an, die Krebsherde bilden sich zurück. Aber sie können nach einiger Zeit wieder auftreten. Eine Reihe von Faktoren, die die Wirkung der Chemotherapie beeinflussen, ist bereits bekannt. Das Krankheitsstadium, die Größe des Tumors und das Vorhandensein von Metastasen bestimmen die Effektivität der Behandlung. Ist der Tumor schlecht durchblutet, gelangen die Wirkstoffe nicht zu allen Krebszellen. Wird das Tumorgewebe rasch entgiftet, wird das Medikament aus der Zelle geschleust, bevor es wirken kann. Die Dosierung muss auf die Stärke der Nebenwirkung abgestimmt sein und bleibt unter Umständen damit unter der notwendigen Wirkmenge. Medikamente, die auf Tumorzellen in der Teilungsphase wirken, erweisen sich weniger effektiv bei Tumoren, die langsam wachsen. Die Empfindlichkeit des Tumors verändert sich allmählich. Tumore, die sich rasch teilen und schnell wachsen, zeigen neue Charakteristika im Laufe der Zeit. Es bilden sich Zellen die nicht mehr auf Chemotherapeutika reagieren. Resistenzen sind die Folge.

Für oder gegen eine Zytostatika-Behandlung bei Krebs?

Angesichts der ständig wachsenden Heilungschancen für Krebspatienten, von denen keine geringe Anzahl mit Chemotherapie behandelt wurde, ist die Bedeutung dieser Therapieform nicht zu leugnen. Dennoch bleibt sie gerade wegen der belastenden Symptome und der in einigen Fällen ausbleibenden positiven Effekte in der Diskussion. Fakt ist, dass Nutzen und Schaden einer solchen Therapie abgewogen werden müssen, insbesondere bei Schwerstkranken. Der Stellenwert einer Chemotherapie unterscheidet sich in Abhängigkeit von der Krebsart und dem Stadium. Bei akuten Leukämien und malignen Lymphomen gilt sie als wichtigste Behandlungsform. Alternative Therapien, wie Operation müssen diskutiert werdenWichtiges Kriterium ist der Allgemeinzustand des Patienten. Besonders ältere Menschen leiden an weiteren Erkrankungen, die die Therapie mit Zytostatika erschweren. Nierenerkrankungen gehören dazu. Eine Chemotherapie ist dennoch nicht ausgeschlossen. Sie muss den Gegebenheiten angepasst und wie auch bei den Jüngeren, das Für und Wider abgewogen werden. Die Entscheidung muss gemeinsam mit dem behandelnden Arzt getroffen werden. Daten aus Studien, die den Erfolg belegen sollen, können die Entscheidung unterstützen, müssen jedoch nicht die individuelle Situation widerspiegeln. Außerdem basieren die Daten überwiegend aus Vergleichen mit früheren Therapien und nicht aus solchen ohne Behandlung. Ausgangspunkt für die Wahl der Therapie sollte die Art der Krebserkrankung sein und Angaben zum Stadium. Davon hängt das Ziel der Therapie ab.

Sind die Nieren nicht selbst vom Krebs betroffen, können sie durch eine Behandlung trotzdem Schäden davon tragen

Sind die Nieren nicht selbst vom Krebs betroffen, können sie durch eine Behandlung trotzdem Schäden davon tragen

  • Ist eine Heilung möglich?
  • Soll das Fortschreiten verzögert und die Symptome gelindert werden?

Verglichen werden sollte der wahrscheinliche Verlauf mit und ohne Behandlung sowie bei anderen Therapieformen.

  • Welcher Art können die unerwünschten Nebenwirkungen sein?
  • Wie lange dauern sie an?
  • Können sie behandelt werden?

Die Therapie kann stationär oder ambulant durchgeführt werden. Bei einem Aufenthalt Zuhause  können die Dauer und die Häufigkeit der Klinikbesuche zusätzlich Belastungen bedeuten. Die Chemotherapie wirkt sich nicht nur auf das persönliche Leben aus, sie beeinflusst die Partnerschaft und die sozialen Beziehungen im Freundeskreis und im Beruf. Es erfordert nicht selten Änderungen in der Lebensweise und regelmäßige Untersuchungen während und nach der Behandlung. Adressen für Ansprechpartner bei Fragen und Probleme sollten verfügbar sein. Oft helfen Aussagen zu den persönlichen Erfahrungen des Arztes dem Patienten bei der Therapieentscheidung. Das Einholen einer zweiten Meinung sollte bei einer solch gravierenden Entscheidung in jedem Fall erwogen werden.

Chemotherapie in der Anwendung

Ist die Entscheidung im Sinne einer Chemotherapie gefallen, stellt sich die Frage nach dem Ziel, das erreicht werden soll.
Unterschieden wird dabei:

  • Kurative
  • Palliative
  • Adjuvante
  • Neoadjuvante Therapie

Sind die Heilungschancen relativ hoch, könnte das unter Umständen eine aggressivere Therapie mit stärkeren Nebenwirkungen im Sinne einer kurativen Behandlung rechtfertigen. Dennoch müssen diese wie auch eventuelle Spätfolgen abgewogen werden, um sicher zu sein, dass der Nutzen tatsächlich größer als der Schaden ist.
Wird die Therapie palliativ eingesetzt, soll das Fortschreiten aufgehalten werden, selbst, wenn die Tumorzellen nicht vollständig zerstört werden können und damit eine Heilung nicht zu erwarten ist. Die Behandlung wird so ausgewählt, dass die Nebenwirkungen so gering wie möglich und der Zugewinn an Lebenszeit und -qualität deutlich ausfallen.

Als adjuvante Therapie (lateinisch: adiuvare, unterstützen, helfen) kann sich die Chemotherapie einer Operation anschließen, um das Risiko eines Rückfalls (Rezidivs) zu senken. Wie hoch der Nutzen in diesen Fällen ist, lässt sich schwer abschätzen.

Bei einer neoadjuvanten Therapie wird die Chemotherapie vor einem operativen Eingriff durchgeführt. Oft wird auf diese Weise versucht, den Tumor zu verkleinern. Für einige Patienten bietet nur diese Anwendung die Chance auf eine erfolgreiche Tumorbeseitigung.
Eine weitere Klassifizierung in der Anwendung berücksichtigt die Therapiephase. Unterschieden wird dabei zwischen der Induktions-, der Konsolidierungs– und der Erhaltungstherapie. In der Induktionsphase werden die Zytostatika am Anfang der Therapie sehr hoch dosiert, um die Tumorzellen sehr stark zu schädigen. In der nachfolgenden Konsolidierungstherapie erfolgt die Zytostatikagabe in einer geringeren Aggressivität. Es soll das in der ersten Phase erzielte Ergebnis aufrechterhalten werden. Bei der Erhaltungstherapie steht die präventive Gabe zur Verhinderung eines Rezidivs im Vordergrund.

Wie wird die Chemotherapie durchgeführt?

An erster Stelle steht die Frage nach dem verwendeten Medikament. Gleichzeitig werden vor Beginn der Behandlung weitere Festlegungen getroffen:

  • Anwendung einer Mono- oder Kombinationstherapie
  • Form der Verabreichung: Infusion (am häufigsten), Spritze, Tabletten
  • Dosierung
  • Zahl der Behandlungszyklen
  • Stationäre oder ambulante Behandlung

Welches Arzneimittel in der Therapie eingesetzt wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab und wird für jeden Patienten individuell festgelegt. Häufig wird eine Kombination mehrerer Medikamente mit verschiedenen Wirkprinzipien angewendet. So lassen sich potenzierende Effekte schaffen und nutzen. In den letzten Jahren wurden zahlreiche Therapieschemata für eine kontrollierte Gabe in bestimmten Zeitabläufen entwickelt. In der Anwendungsform unterscheiden sich systemische Chemotherapie, bei der die Zytostatika sich im gesamten Blutkreislauf verteilen, und die regionären Chemotherapie, die überwiegend stationär durchgeführt wird. Das Medikament wird in hoher Konzentration in eine Arterie, die direkt das Zielorgan oder den Tumor versorgt, appliziert. Der Ablauf einer Chemotherapie erfolgt in Zyklen, wobei sich Behandlungsphasen mit Pausen abwechseln. Die Behandlung erstreckt sich über einen bis mehrere Tage, die Behandlungspause kann Tage, Wochen oder Monate dauern. In dieser Zeit soll sich gesundes, aber angegriffenes Gewebe regenerieren. Im nächsten Behandlungsintervall wächst die Chance solche Krebszellen zu erfassen, die sich zuvor gerade in Ruhe befanden und sich deshalb der Medikamentenwirkung entziehen konnten.

Wirksamkeit

Um den Erfolg der Chemotherapie zu bewerten, wird die Fünf-Jahres-Überlebensrate zugrunde gelegt. Es gibt Tumorarten, die schlecht auf Zytostatika ansprechen. Darüber hinaus ist die Wirksamkeit vom Tumorstadium abhängig. Neuentwicklungen bei den Zytostatika und adjuvante Anwendung haben zu einer in den letzten 20 Jahren deutlich verbesserten Prognose bei vielen Krebsarten geführt. Von Patienten mit Brustkrebs leben nach fünf Jahren fast 80 Prozent der Frauen. Die Heilungschancen für Hodenkrebs haben eine vergleichbare Größe. Bei Lymphomen überleben 65 Prozent, bei malignen Melanomen mehr als 80 Prozent. Bei Lymphomen und Leukämien gibt es derzeit keine vergleichbare Alternative als Therapie.

Familiäre Unterstützung während der Therapie

Der Rückhalt der Familie bei einer Schwersterkrankung ist enorm wichtig

Der Rückhalt der Familie bei einer Schwersterkrankung ist enorm wichtig

Die Diagnose Krebs verändert schlagartig alles. Das gesamte Leben kreist um den Schwerkranken und die Gedanken an das Sterben. Studien haben gezeigt, dass nicht nur der lebensbedrohte Patient mit Stress, innerer Trauer, Angst und Depressionen zu kämpfen hat. Die betroffene Familie, die sich aufopferungsvoll um den Kranken kümmert und eigene Wünsche und Bedürfnisse zurückstellt, kann rasch an ihre Grenzen geraten. Angehörigen wird deshalb empfohlen, sich bereits zu einem frühen Zeitpunkt psychologische Unterstützung zu holen. Das hilft, der eigenen Emotionen Herr zu werden und die des Patienten besser zu verstehen. Kommen während der Chemotherapie Schmerzen, Haarausfall, Erschöpfung hinzu, benötigen die Betroffenen besonderes Verständnis. Oft kommen kleine Zärtlichkeiten und Zuwendungen besser an als trostreiche Worte. Nicht selten zeigen die Patienten ein verändertes Verhalten, Aggressionen und ziehen sich zurück. Hier sollten Familienangehörige gegensteuern. Nach der Diagnose bleiben viele Fragen offen. Nahestehende sollten den Patienten zu Arzt- und Behandlungsterminen begleiten, sofern er dem zustimmt und dabei die Möglichkeit nutzen, selbst Fragen zu stellen. Im täglichen Leben brauchen die Betroffenen Unterstützung, die am besten von den Angehörigen organisiert wird. Wichtig ist es dabei, den Erkrankten in die Planung einzubeziehen und Dinge, die er noch ohne Hilfe verrichten kann, ihm zu überlassen. Unterstützung bei der Bewältigung der Situation geben Krebsberatungsstellen in den Krankenhäusern, der Gesundheitsämter oder Wohlfahrts Organisationen. Hier sind meist Sozialarbeiter und Psychologen tätig, die in Einzelgesprächen oder Familiensitzungen Probleme besprechen und nach Lösungen suchen. Neben psychologischer Beratung bedarf es nicht selten zusätzlicher Unterstützung in sozialrechtlichen Fragen. Diese Beratungen sind kostenfrei. Selbsthilfegruppen bieten Hilfe in den Fragen des Alltags und Erfahrungsaustausch an. Eine besondere Situation tritt mit der häuslichen Pflege eines Krebspatienten ein. Im Pflegezeitgesetz und Familienpflegezeitgesetz ist der Anspruch auf unbezahlte sozialversicherte Freistellung für berufstätige Angehörige geregelt. Krebskranke haben Anspruch auf Pflegegeld oder Sachleistungen. Eine individuelle Pflegeberatung hilft, die notwendigen Anträge zu formulieren.

 

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