Was haben Laktose-Toleranz, Nacktkatzen, die menschliche Gehirnentwicklung und das Brustkrebsrisiko gemein? Die Antwort ist einfach: Als Ursache aller findet eine Mutation statt.

Sind Sie ein Mutant?

Nacktkatzen entstanden zum Beispiel, als in Kanada eine einzelne, natürlich mutierte Katze ohne Fell geboren wurde, die der Mensch daraufhin für Allergiker weitergezüchtet hat. Zur Laktose-Toleranz passt Mutation wiederum insofern, als dass Menschen wie alle anderen Säugetiere im Erwachsenenalter normalerweise laktoseintolerant sein müssten. Genforscher gehen heute deshalb davon aus, dass sich die Zeitspanne für Milchzuckertoleranz bei einem Individuum im kaukasischen Raum vor Jahrtausenden aufgrund einer Mutation vom Säuglingsalter bis auf die gesamte Lebensspanne ausgebreitet hat. Auch die Gestalt des menschliche Gehirns geht letztlich auf Mutation zurück. Die profitable Haplogruppe D entstand beispielsweise als Ergebnis einer Mutation des Microcephalins, wie die University of Chicago berichtet. Das Institut of Cancer Research erkennt Mutationen 2006 außerdem als Mitursache für Brustkrebs, als es ein Brustkrebsgen mit der Bezeichnung BRIP-1 entdeckt. Dieses Gen enthält ein Protein zur Reparatur von Schäden in der DNA. Mutationen des BRIP-1 verhindern widerum, dass das enthaltene Protein dieser wichtigen Funktion nachkommt, was das Brustkrebsrisiko annähernd verdoppelt. Nacktkatzen, Gehirnentwicklung, Laktosetoleranz und Brustkrebs – hätten Sie dahinter Mutationen vermutet? Wahrscheinlich nicht automatisch, aber Mutanten sind nun mal nicht immer Fische mit zehn Augen, Kälber mit zwei Köpfen oder Organismen mit anderen direkt ersichtlichen Veränderungen der Gestalt. Jeder Mensch ist ein Mutant, denn Mutationen finden in dem Erbgut jedes Individuums ständig statt. 100 bis 200 solche Veränderungen vermuten britischer Forscher sogar in der DNA des Einzelnen, wobei die meisten von ihnen harmlos und ohne weitere Folgen bleiben. Auf Basis dessen lässt es sich schon vermuten: Mutationen sind mit verantwortlich für viele Zusammenhänge, hinsichtlich derer Sie es nie erahnt hätten. Beispiele dafür sind:
  • Alterungsprozesse
  • Krankheitsprozesse
  • Evolution

Ohne Mutationen hätte die Evolution so nicht statt gefunden, denn abrupte, genetische Veränderungen sind mit verantwortlich für alles Leben auf diesem Planeten.

Botaniker Vries stellt dem Darwinismus den Mutationismus entgegen

Charles Darwin – Gründer der Evolutionstheorie (Quelle: Bigstock-ID-7913885-by-Speedfighter)

Charles Darwin – Gründer der Evolutionstheorie

Statik ist zum Sterben verdammt. Was leben will, entwickelt sich. Alle Lebensarten passen sich daher zum Beispiel unentwegt an die aktuellen Bedingungen ihres natürlichen Lebensraums an, denn je besser diese Anpassung gelingt, desto leichter fällt das Überleben. Im 19. Jahrhundert erkennt Charles Darwin diese evolutionär tragende Rolle der kontinuierlichen Anpassung und entwickelt seine berühmte Theorie zu natürlicher Selektion und Variation. Er betont darin, jedes Leben sei zwingend mit kontinuierlicher Anpassung verbunden. Nur das Genmaterial von optimal angepassten Organismen könne weitervererbt werden und das von schwächeren Lebewesen der selben Art sei dem Arterhalt zuliebe zum Aussterben verdammt, denn nur so könnten Arten den eigenen Fortbestand sichern. Dieses Grundprinzip der Evolution nennt er die natürliche Selektion und verweist im Rahmen dessen auf die Variabilität, die alle Lebewesen ausmache.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellt sich erstmals jemand begründet gegen diese bahnbrechenden Theorien. Die Rede ist von Botaniker Hugo Vries, der damals die mendelschen Regeln neu entdeckt. Während seiner Forschung hält er die These fest, die Merkmale aller Organismen bestünden aus separaten, voneinander unabhängigen Einheiten. Diese Feststellung mündet für Vries wenig später in evolutionsbiologisch neue Erkenntnisse. Er fügt zu Darwins Evolutionsfaktoren Selektion und Variation einen neuen Begriff hinzu: den der Mutation, der laut Vries als eigentlich treibende Kraft von Evolution zu verstehen ist. Für Vries ist Mutation damals eine einmalig auftretende, seltene und diskontinuierliche Genveränderung an Organismen, die schließlich weitervererbt werde oder nicht. Solcherlei sprunghafte und spontane Veränderungen von Lebewesen können negative, keine oder positive Folgen für den Organismus haben. Darwins Selektionsthese bestätigt Vries im Anschluss daran insofern, als dass er der natürlichen Selektion die Rolle der Mutationsregulierung zuspricht. Mutationen mit negativen oder schädlichen Folgen für ein Lebewesen würden aufgrund der natürlichen Selektion zum Beispiel nicht vererbt. Alle sprunghaften Veränderungen des Erbguts mit positiven Folgen würden auf Basis von Selektion andererseits an die Folgegenerationen weitergegeben.

Die kreativität der Evolution

Die Mutation ist nach Vries also das kreative Element in der Evolution und damit der Ursprung aller Merkmalsanpassungen. Im Verständnis dieses so genannten Mutationismus wären alle Arten auf diesem Planeten so auf Mutationen zurückzuführen. Die langen Hälse, die Giraffen Blätter von hohen Bäumen abrupfen lassen wären in diesem Sinn ebenso Folgen von abrupter genetischer Veränderung, wie die Tarnfarben des Chamäleons. Bis heute vertreten einige Evolutionsbiologen die Thesen von Vries Mutationismus. Die meisten Evolutionsforscher der Gegenwart halten die Mutation aber anders als Vries nicht mehr für die zentrale und monopolistische Kraft der Evolution, sondern lediglich für einen von vielen Evolutionsfaktoren und für die Artenvielfalt der Welt somit nicht haupt-, sondern teilverantwortlich. Ein Grund dafür ist die geringe Wahrscheinlichkeit tatsächlich positiver Mutationen, die Forscher bisher beobachten konnten. Negative und neutrale genetische Veränderungen würden demzufolge deutlich häufiger auftreten, als solche mit positiven Effekten. Da lediglich solche mit positiven Effekten im Zuge der natürlichen Selektion aber weitergegeben werden, kann genetisch sprunghafte Veränderung allein unmöglich Hauptursache für die gegenwärtige Gestalt aller Arten sein.

Merkmalsanpassungen laufen über Mutation, Modifikation und Modulation

Evolution geschieht nicht von jetzt auf gleich

Evolution geschieht nicht von jetzt auf gleich

Heute ist man sich zumindest über die Definition des Mutationsbegriffes einig. Es handle sich bei dem Phänomen um sprunghafte Veränderungen des Genotyps. Die Bezeichnung geht auf das lateinische Wort „mutare“ zurück, das übersetzt so viel wie „verändern“ bedeutet. Wenn Organismen wiederum bei gleicher, genetischer Grundlage unterschiedliche Gestalt aufweisen, so ist mittlerweile von Modifikation die Rede. Die verschiedene Gestalt, die eineiige Zwillinge trotz gleicher Erbmasse durch ihre Lebensumstände wie beispielsweise ihre Ernährung annehmen können, hat demzufolge nicht mit genetischer Veränderung, sondern Modifikation zu tun. Die Fähigkeit zur phänotypischen Modifikation liegt an der Reaktionsnorm, die alle Organismen in ihrem genetischen Material tragen. Diese Reaktionsnorm bestimmt die Bandbreite, mit der für den Einzelnen ohne genetische Veränderungen Variabilität möglich ist. Zwei eineiige Zwillinge mit gleichem Erbmaterial müssen deshalb zum Beispiel nicht gleich groß sein. Im genetischen Material beider ist hinsichtlich der Größe eine Reaktionsnorm zwischen beispielsweise 1,50 Metern und 2,10 Metern gespeichert. Die Umstände ihres Lebens bestimmen im Rahmen dessen, welche Größe sie phänotypisch tatsächlich annehmen. Ein drittes Phänomen der Anpassung ist die Modulation, bei der ein Organismus seinen Phänotyp als Anpassung auf einen bestimmten Umwelteinfluss verändert, diese Anpassung aber wieder aufgibt, sobald der Umwelteinfluss vergangen ist. Ein Beispiel für eine solche Modulation ist die Fellfarbe des Himmalayakaninchens, die sich mit der Körpertemperatur vorübergehend verändert. Weder Modulation noch Modifikation verändern das Erbgut eines Organismus. Wenn das Erbgut selbst tatsächliche Ursache einer dauerhaften Veränderung ist, spricht der Biologe immer von Mutation. Während Modifikation und Modulation immer phänotypische, das heißt äußere Folgen haben, muss Mutation keine Veränderungen an der Gestalt des Organismus bedingen. Wenn der Phänotyp eines Lebewesens von einer Mutation unberührt bleibt, so liegt stille Mutation vor, bei der sich lediglich innere Merkmale verändern. Mutationen unterscheiden sich von Modulation und Modifikation in erster Linie insofern, dass sie in der Regel weitervererbt werden können. Da der Genotyp von Modifikation sowie Modulation unberührt bleibt, kommt es bei diesen beiden Phänomenen nicht zur Weitergabe der Veränderungen. Letztlich umreißt das Dreiergespann aus Modifikation, Modulation und Mutation sämtliche Merkmalsanpassungen, die ein Lebewesen vor dem Hintergrund seiner Umwelt entwickeln kann. Damit prägen die drei Phänomene den Grundbegriff von Leben an sich, sofern man Anpassung im Geiste Darwins als Grundvoraussetzung für Leben verstehen will.

Strahlung kann Veränderungen des Erbguts bedingen

Mutationen lassen sich in zwei Hauptphänomene einteilen: in qualitative und quantitative Mutation. Das heißt: entweder hat sich das Erbmaterial gestaltmäßig oder zahlenmäßig verändert. Unterschiede ergeben sich auch hinsichtlich der folgenden Ursaches:

  • beteiligten Zellen
  • strukturelle Gesichtspunkte
  • Mechanismus der Veränderung
  • Folgen für den Organismus

Spontanmutationen sind alle genetischen Veränderungen, die plötzlich und ohne ersichtlichen Grund auftreten. An solcherlei Veränderungen des Erbguts hat so zu sagen niemand und nichts „Schuld“ oder besser gesagt: Wenn etwas Schuld daran hat, weiß man heute noch nicht, was es ist und wie die Zusammenhänge aussehen. Davon zu unterscheiden sind induzierte Mutationen, die sich auf konkrete mutagene Ursachen wie chemische Substanzen oder Strahlen zurückführen lassen. Beispiele für den Zusammenhang zwischen Strahlung und Mutation lassen sich an der Betrachtung von Strahlengebieten wie Fukushima oder Tschernobyl nachvollziehen. In Weißrussland stieg nach Tschernobyl beispielsweise die Laukämierate an. Auch gendefekte Neugeborene mit starken Missbildungen kamen vermehrt vor, wobei viele von ihnen die genetischen Erbgutveränderungen nicht dauerhaft überlebten. In Fukushima untersuchte eine Forschergruppe wiederum Schmetterlinge, die sich kurz nach dem Atomarunglück in der Sperrzone bewegten. Auch an ihnen ließ sich verändertes Erbgut nachvollziehen und sie wiesen zum Beispiel kleinere Flügel sowie missgebildete Augen auf. Genetische Veränderung durch Strahlung ist demzufolge kein Mythos, sondern Realität. Andererseits kommen Spontanmutationen genauso häufig, wenn nicht häufiger vor.

Keimbahn- und Somatische Mutation

Wie nach der Ursache lassen sich genetische Veränderungen auch nach beteiligten Zellen unterscheiden. Dabei ergeben sich in erster Linie Unterschiede hinsichtlich der Erblichkeit. Unterschieden werden dabei die Keimbahnmutationen und Somatische Mutationen. Das letztere Phänomen liegt beispielsweise bei der Veränderung normaler Zellen zu wuchernden Krebszellen oder bei Alterungsprozessen vor. Somatische Veränderungen finden in den somatischen Zellen statt und haben daher lediglich Auswirkungen auf den gegenwärtigen Organismus, eine direkte Weitervererbung findet dagegen nicht statt. Anders steht es um genetische Veränderungen in den Keimzellen mehrzelliger Lebewesen. Sie werden an Nachfahren über die Keimbahnen weitervererbt und betreffen die Spermien und Eizellen. Meist haben sie auf den gegenwärtigen Organismus keine Auswirkungen, sondern äußern sich erst in der Generation darauf. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist diese Form der genetischen Veränderung wegen der Erblichkeit die relevanteste und interessanteste.

Genmutationen sind die häufigsten Veränderungen

In struktureller Hinsicht unterscheidet man genetische Veränderungen in:

  • Genmutation
  • Genommutation
  • Chromosommutationen

Chromosonmutation

Bei letzterer ist der Bau oder die Struktur eines einzelnen Chromosoms verändert. Chromosomstücke gehen zum Beispiel verloren oder teilen sich auf andere Gene auf. Ein solches Phänomen liegt beispielsweise beim Katzenschrei-Syndrom vor, das zufällig und ohne ersichtliche Ursache zu einem Teilverlust des Chromosom 5 führt und bei Betroffenen die Gestalt sowie die lautsprachliche Entwicklung mutieren lässt. Chromosommutationen können durch Deletion entstehen, das heißt ein Teil des Chromosomenstücks geht terminal (am Ende) oder interkalar (mittig) verloren. Eine andere Form ist die Chromosommutation durch Ringchromosom-Bildung, bei der sich eine Schlaufe bildet, um die herum das Chromosom zerfällt. Bei der Inversion drehen sich dagegen innerhalb des Chromosoms einzelne Teile, was die Struktur verändert. Die Translokation verteilt Teilstücke des Chromosoms wiederum auf andere Chromosome, sodass auf dem einen Geninformation fehlt, während auf dem anderen zu viel davon vorhanden ist. Die letzte Form der Chromosommutation ist die Duplikation, die einzelne Chromosomenregionen verdoppelt und die Gesamtstruktur dadurch weitreichend verändert.

Genommutation

Anders als bei den einzelnen Arten der Chromosommutation vermehren sich bei der Genommutation wiederum ganze Chromosmen und Chromosemensätze oder gehen verloren, wobei sich die Gesamtanzahl der Chromosomen quantitativ verändert. Beim Downsyndrom liegt beispielsweise ein verdreifachtes Chromosom 21 vor, was Einfluss auf die Gestalt sowie die kognitiven Fähigkeiten von Betroffenen hat. Bei jeder Genommutationen ist die Chromosomenzahl verändert. In der Fachsprache spricht man damit von einer Aneuploidie. Normalerweise verfügt ein Mensch zum Beispiel über 23 homologe Chromosomenpaare zu insgesamt 46 Chromosomen.

  • Bei der Euploidie als eine Form der Genommutation wird diese Anzahl der ganzen Chromosomensätze in der letzten Zelle vermindert oder vermehrt.
  • Bei der Haploidie, das heißt bei verminderten Chrosomsätzen, geht meist die Lebensfähigkeit eines Lebewesens verloren. Bei der Polyploidie, also vermehrten Chromosomsätzen, ist die Leistungsfähigkeit wiederum höher als erwartet.

Unter Pflanzen ist diese Art der genetischen Veränderung eine der gängigsten, wobei sie unter Menschen deutlich seltener vorkommt.

Genmutation

Die gängigste genetische Veränderung unter Menschen ist weder die Chromosom- noch die Genommutation. Es ist die einfache Genmutation. Diese erbliche Veränderung betrifft lediglich ein Gen und kann als Punkt- oder Rastermutation stattfinden.

  • Als Punktmutation verändert die Genmutation eine organische Base im Gencode. In der Regel wird die betroffene Base daraufhin durch eine andere ersetzt. Häufig wirkt sich diese Art der Veränderung nicht weiter auf den Organismus aus, sodass von einer stillen genetischen Veränderung die Rede sein kann. Je nachdem, an welcher Stelle die betroffene Base sitzt, können aber auch Genmutationen merkliche Auswirkungen haben.
  • Die davon zu unterscheidende Rastermutationen verschiebt das Leseraster auf der DNS. Normalerweise fügen Rastermutationen ein oder zwei Basen zusätzlich ein oder entfernen sie. Je nachdem, wie weit das Leseraster dadurch verschoben wurde, entstehen mehr oder weniger gravierende Änderungen. Ein Einschub oder eine Löschung gleich zu Anfang ist gravierender als zum Ende hin. Einschub oder Löschung von einer Basenzahl, die kein Vielfaches von drei ist, wird wiederum als Frameshift-Mutation bezeichnet und hat verglichen mit der Punktmutation in der Regel deutlich größere Auswirkungen auf den Betroffenen, weil sich so die Gesamtstruktur verändert.

Nur eine von 10.000 Mutationen hat positive Folgen

Mutationen finden auf verschiedene Art und Weise statt. Sieben verschiedene Mechanismen können die Veränderungen hervorgerufen haben. Hinsichtlich des ursächlichen Mechanismus unterscheidet man:

  • Replikationsfehler
  • Unzulänglichkeiten in der Proof-Reading-Aktivität
  • Fehler im prä- oder postreplikativen Reparaturmechanismus
    Ein Schaf mit zwei Köpfen kann nicht überleben

    Ein Schaf mit zwei Köpfen kann nicht überleben

  • Ungleichmäßigkeiten im Crossing-Over,
  • Non-Disjunctions
  • Integrationen von Retroviren oder Transposons
  • Herausspringen von Retroviren oder Transposons

 

Fehler bei der Replikation ergeben sich, wenn die DNA-Polymerasen einen fehlerhaften DNA-Strang aufbauen. Normalerweise korrigieren sie Fehler später eigenständig. Wenn sie das nicht tun, geht man von einer unzulänglichen Proof-Reading-Aktivität aus. Fehler im prä- oder postreplikativen Reparaturmechanismus gehen dagegen auf das sogenannte Reparaturenzym zurück, dessen Fehlerwahrscheinlichkeit bei bis zu 50 Prozent liegt. Ungleichmäßiges Crossing-Over kann beispielsweise dann Ursache einer Mutation sein, wenn ähnliche oder identische DNA-Sequenzen nebeneinander liegen und Fehlpaarungen initiieren. Non-Disjunction liegt wiederum bei einer fehlerhaften Verteilung von Chromosomen auf Tochterzellen vor. Als Integration oder Herausspringen von Transposons oder Retroviren bezeichnet der Genforscher dagegen die Integration von außerplanmäßigen Elementen in den genregulatorischen Bereich.

Folgen einer Mutation nicht immer ersichtlich

Bezüglich des Organismus, den sie betreffen, unterscheiden sich genetische Veränderungen letztlich vor allem in ihren Folgen. Diese Folgen können wie bei der stillen Mutation nicht erkennbar sein, sie können aber auch wahrnehmbar ausfallen und neutral, negativ oder positiv wirken. Die letale genetische Veränderung ist die negativste Form, da sie den Organismus unabhängig von seiner gegenwärtigen Lebensphase mit Sicherheit das Leben kosten. Konditional-letale genetische Veränderungen töten das Lebewesen nicht immer, aber zu bestimmten Wachstumsbedingungen wirken auch sie tödlich. Zu den negativen

  • Loss-of-function-Mutation
    Veränderungen zählen in der Regel auch Loss-of-function-Mutationen, bei denen das Genprodukt seine Funktion verliert. Teilweise kann dieser Funktionsverlust durch ein amorphes oder hypomorphes Allel allerdings von einem anderen Allel abgefangen werden.
  • Gain-of-function-Mutation
    Das Gegenteil davon ist die Gain-of-function-Mutation, die ein Allel an Aktivität gewinnen lässt und bei dominanter Auswirkung eines neomorphen Allels teilweise einen völlig neuen Phänotyp hervorbringt.

Neutrale genetische Veränderungen sind meist solche, die auf genetisch irrelevanter Information stattfinden, so beispielsweise auf nicht codierter DNA. Auch auf solchen Genen relevanter Information kann aber eine stille Mutation mit neutralen Auswirkungen stattfinden, solange sich der Informationsgehalt des Gens nicht verändert. Gerade wenn größere Sequenzen des Erbguts verändert werden, hat diese Veränderung in aller Regel negative Folgen für den Stoffwechsel und andere Körperfunktionen. Durch Mutationen treten zum Beispiel verschiedene Erbkrankheiten neu innerhalb einer bisher nicht betroffenen Ahnenfolge auf. Ein Beispiel dafür ist neben Rot-Grün-Schwäche und Albinismus die Sichelzellenanämie, die rote Blutkörperchen verändert und ihnen damit die Aufnahmefähigkeit für Sauerstoff nimmt. Positive Folgen stellen sich für lediglich eine Mutation von circa 10.000 ein. Für Pflanzen gilt eine höhere Rate positiver Auswirkungen, als für andere Lebewesen. Aus kleinen Gräsern entsteht durch genetische Veränderung beispielsweise ertragreiches Getreide. Ohne vom Menschen weiter kultivierte Pflanzenmutation wäre es kaum möglich, die Weltbevölkerung zu ernähren.

Superkräfte durch Gendefekt im Fall Liam Hoekstra

Obwohl die Folgen einer Erbgutveränderung bei anderen Lebewesen als Pflanzen meist neutral oder negativ ausfallen, wollen Filme wie Superman oder X-Men das Publikum glauben machen, Mutationen könnten Menschen mit Superkräften segnen. Abhängig von der Betrachtungweise trifft das tatsächlich zu: So ließe sich beispielsweise sogar die Mutation zur Laktose-Toleranz als Superkraft bezeichnen, mit deren Hilfe wir anders als ursprünglich von der Natur vorgesehen auch im Erwachsenenalter Milch trinken können. Ein noch überzeugenderes Beispiel liefert der Michiganer Liam Hoekstra, der im Alter von drei Jahren durch einen Gen-Defekt 40 Prozent mehr Muskelmasse besitzt als andere Menschen. Der Defekt läuft unter dem Namen Myostatin-bedingte Muskelhypertrophie und ist auch innerhalb Deutschlands bereits aufgetreten. Obwohl sich das zunächst nach Superkräften anhört, hat auch eine solche Mutation Schattenseiten, wie beispielsweise eine verringerte Lebensqualität, wie man sie an Hunden mit derselben Krankheit beobachtet hat. Ähnlich steht es um Menschen mit kongenitale Hypertrichose, einer seltenen Erbkrankheit, die den gesamten Körper ähnlich dem eines Wolfes mit dichtem Pelz bedeckt. Auch Autismus ist eine genetische Veränderung, die sich durch folgende Symptomenals „Superkraft“ bezeichnen ließe:

  • wie starker Wahrnehmung
  • hohe Intelligenz
  • künstlerischen Fähigkeiten

Auch in diesem Fall wird die „Superkraft“ allerdings schnell zur Belastung, da die damit zusammenhängenden Schwächen im Bereich sozialer Interaktion zum Teil zu Vereinsamung verdammen. Die scheinbaren Superkraft-Beispiele sind insofern also nicht an das angepasst, was man im allgemeinen unter menschlichem Leben versteht. An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu Darwins Evolutionstheorie, wie wir sie zu Beginn dieses Artikels beschrieben haben. Will man nämlich von Darwins Gedanken zur Selektion ausgehen, so hätten sich Mutationen wie Liam Hoekstras Myostatin-bedingte Muskelhypertrophie unlängst ausgebreitet und im Erbmaterial vieler Menschen durchgesetzt, sofern sie wirklich „Superkräfte“ wären, das heißt dem Betroffenen bei der bestmöglichen Anpassung an seinen Lebensraum geholfen hätten. Weil sie das nicht getan haben und nur ein verschwindend geringer Bruchteil der Weltbevölkerung davon betroffen ist, lassen sie sich vor dem Hintergrund der Evolutionstheorie auch nicht als Superkraft bezeichnen. Anders steht es in dieser Hinsicht um die Laktosetoleranz sowie die Mutationen, denen das gegenwärtige Gehirn des Menschen seine Gestalt zu verdanken hat. Sie haben sich hinsichtlich der Masse durchgesetzt, weil sie sich bezogen auf die menschliche Evolution offenbar als profitabel erwiesen haben. Das ließe diese verbreiteten Phänomene der genetischen Veränderungen schon eher als Superkräfte durchgehen. Sie sind laktosetolerant im Erwachsenenalter? Dann herzlichen Glückwunsch zu dieser Superkraft. Glückwunsch auch an die 70 Prozent der Weltbevölkerung, deren Gehirn die weiter oben genannten Mutationen durchgemacht hat. Eigentlich lässt sich wohl jeder beglückwünschen, wo die Briten doch 100 bis 200 genetische Veränderungen in jedem Menschen vermuten, die keine negativen Auswirkungen auf uns haben. Wenn von Mutationen die Rede ist, sind letztlich wohl all solche Veränderungen zu beglückwünschende Superkräfte, die keine Negativeffekte auf unser Leben unter den gegenwärtigen Bedingungen verzeichnen lassen.

 

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