„Tierversuche sind dringend notwendig“, argumentieren nahezu alle Organisationen, die sie für ihre Zwecke nutzen. Aber in vielen Fällen gibt es alternative Methoden, um die gleichen Ziele zu erreichen.

Wie viele Tiere sind betroffen?

Mäuse werden extra für Tierversuche gezüchtet

Mäuse werden extra für Tierversuche gezüchtet
(© Tran-Photography – Fotolia.com)

Zwei bis drei Millionen Tiere werden alleine in Deutschland pro Jahr für Tierversuche verwendet, weltweit sind es möglicherweise mehr als 100 Millionen. Meist werden Mäuse oder Ratten für die Tierversuche gezüchtet. Aber auch Hamster, Kaninchen, Katzen, Hunde, Pferde, Ziegen, Schweine, Fische und Affen werden oft zu Versuchstieren. So gut wie alle Tiere werden gezielt für die Tierversuche gezüchtet. Wild gefangene Tiere werden fast nie eingesetzt. [1]

Doch egal, um welche Tierart es sich handelt: In den meisten Fällen sterben die Tiere während der Versuche oder werden hinterher getötet. Fast immer leiden sie vorher Schmerzen, großen Stress und andere Qualen.

Wofür werden Tierversuche gebraucht?

Knapp die Hälfte aller Tierversuche finden für die Grundlagenforschung statt. Hier geht es darum, allgemeine wissenschaftliche Erkenntnisse aufzustellen oder zu überprüfen. Wirtschaftliche oder anwendungsorientierte Ziele werden dabei üblicherweise nicht verfolgt. Es geht um einen allgemeinen Erkenntnis- und Wissensgewinn.

An zweiter Stelle steht die Pharmaindustrie, über die später noch genauer zu sprechen sein wird. Sie ist für über 20 Prozent aller Tierversuche verantwortlich.

14 Prozent der Tierversuche werden durchgeführt, um nichtmedizinische Produkte zu entwickeln und zu testen. Kosmetikartikel dürfen in der EU seit einigen Jahren nicht mehr mit Tierversuchen getestet und entwickelt werden. Allerdings gibt es für die Hersteller zwei Schlupflöcher: Erstens können sie einzelne Inhaltsstoffe weiterhin mit Tierversuchen testen, weil diese als allgemeine Chemikalien gelten. Und zweitens können sie im Ausland forschen, wo Tierversuche für die Kosmetikherstellung weiterhin erlaubt sind. Daher gibt es leider immer noch viele Kosmetikartikel auf dem Markt, für die Tiere qualvoll sterben mussten. Weiterhin finden Tierversuche für die Verhaltensforschung, die Giftigkeitsprüfung verschiedener Stoffe und verschiedene andere Bereiche statt. [1] [2]

Tierversuche in der Pharmaindustrie

Für Tierversuche in der Pharmaindustrie haben viele Menschen noch das größte Verständnis. Schließlich geht es darum, Menschenleben zu retten, neue Medikamente und Impfungen zu entwickeln und Krankheiten zu besiegen. Oder?

Tatsächlich wurden viele lebensrettende Medikamente und Impfungen durch Tierversuche entwickelt. Die überwiegende Mehrzahl der Tierversuche in der Pharmaindustrie wird durchgeführt, um Medikamente und ihre Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Qualität zu prüfen. In sehr vielen Fällen handelt es sich dabei jedoch nicht um wirklich neue Medikamente. Das hundertste Kopfschmerz– oder Schnupfenmittel verliert den Anspruch, Leben zu retten. Der Verdienst der Pharmafirmen ist bei der Entwicklung eines „neuen“ Medikamentes oft ein weit größerer Faktor als die Hoffnung auf die Rettung von Menschen. Und auch bei der Entwicklung lebenswichtiger Medikamente gibt es heute wirksame Alternativen (siehe unten).

Der Ablauf von Tierversuchen (Beispiel)

Um sich eine Meinung über Tierversuche zu bilden, muss man sich zunächst anschauen, wie sie durchgeführt werden. Natürlich hängt der Versuchsaufbau sehr stark davon ab, was untersucht werden soll.

Meistens werden mehrere kleine Vergleichsgruppen von je acht bis zwölf Tieren gleichzeitig untersucht. Wenn es um die Erforschung von Krankheiten geht, müssen die Tiere zunächst die Krankheit oder zumindest die entsprechenden Symptome ausbilden. Viele menschliche Krankheiten kommen bei den Versuchstieren nicht vor. Die medizinische Forschung war aber erfinderisch, wenn es darum geht, Tiere mit Krankheiten zu infizieren. Da werden Tumore eingepflanzt, Krankheitserreger zugeführt und andere Methoden eingesetzt. Zur Erforschung eines Medikaments wird es nun den Vergleichsgruppen in verschiedenen Dosierungen verabreicht. Die Tiere werden beobachtet und – wenn sie nicht schon durch die Untersuchung selbst sterben – anschließend getötet, um auch die Organe untersuchen zu können.

Je nach Untersuchungsaufbau können sehr quälende Methoden zum Einsatz kommen. Zum Beispiel werden hoch dosierte Medikamente in die Augen verabreicht. Um die Tiere daran zu hindern, sie zu entfernen, werden sie in Kisten platziert, aus denen der Kopf herausreicht. Stress und starke Schmerzen kommen sehr häufig vor, auch wenn nach dem Tierschutzgesetz schmerzlindernde Mittel verwendet werden müssen. [2]

Argumente für und gegen Tierversuche

Viele Argumente der Befürworter von Tierversuchen klingen zunächst sehr überzeugend. Doch es gibt auch gute Gegenargumente:

Zum Beispiel sind viele Tierversuchsgegner der Ansicht, dass der Erkenntnisgewinn in keinem Verhältnis zum Aufwand und zum Leid der Tiere steht. In sehr vielen Fällen sind die Ergebnisse gar nicht auf den Menschen übertragbar. Was für eine Maus oder ein Kaninchen gilt, muss nicht zwangsläufig auch für den Menschen gelten.

Die unterschiedlichen Tierarten (zu denen biologisch natürlich auch der Mensch zählt) reagieren sehr unterschiedlich auf Krankheiten und Substanzen. Ratten vertragen zum Beispiel eine 300-fach höhere Dosis von Asbest, bevor sie Krebs ausbilden. Die Tierschutzorganisation „Ärzte gegen Tierversuche“ veröffentlicht eine lange Liste von Medikamenten, die trotz Tierversuchen als Risikomedikamente vom Markt genommen werden mussten: Liste von Risikomedikamenten. Wenn die Ergebnisse aber nicht auf den Menschen übertragbar sind, gilt das Argument nicht mehr, unzählige Menschenleben würden durch die Tierversuche gerettet.

Wie schon erwähnt, handelt es sich sehr häufig nicht um wirklich neue Medikamente, die entwickelt werden. Auch dies setzt das Argument der geretteten Leben außer Kraft.

Heutzutage gibt es Möglichkeiten, die in vielen Fällen genauso aussagekräftig sind wie Tierversuche. Untersuchungen an Zellen und Zellstrukturen sorgen für wichtige Erkenntnisse, Computerprogramme und -simulationen errechnen die wahrscheinlichen Folgen auf den menschlichen Organismus. Sogar künstliche Organismen werden geschaffen, die durch verschiedene Zellstrukturen in Glasröhrchen die Organe darstellen und auf neue Medikamente reagieren. Die Aussagekraft dieser Methoden ist bei vielen Fragestellungen nicht geringer als die von Tierversuchen.

Natürlich werden diese alternativen Methoden schon heute in vielen Fällen angewandt. Doch noch sind ihre Möglichkeiten bei Weitem nicht ausgeschöpft, es wird weiterhin intensiv an alternativen Methoden geforscht.

Und das Tierschutzgesetz?

Das Tierschutzgesetz in Deutschland verbietet es, Tieren „ohne vernünftigen Grund Schmerz, Leid oder Schaden zuzufügen“ (TierSchG §1). In §7-9 des Tierschutzgesetzes geht es explizit um Tierversuche. Hier ist festgelegt, dass Tierversuche und das damit verbundene Leiden für die Tiere auf ein notwendiges Minimum reduziert werden müssen. Außerdem darf ein Tierversuch nur von dafür qualifizierten Personen und nur für bestimmte Zwecke durchgeführt werden. Wer einen Tierversuch durchführen möchte, muss diesen genehmigen lassen und die Notwendigkeit begründen. [3]

Tierschützer beklagen jedoch, dass das Tierschutzgesetz viel zu viele Möglichkeiten für Tierversuche vorsehen würde. Die Tierversuchskommission, die die Erlaubnis aussprechen darf, besteht nach Angaben der Tierschutzorganisation Peta zu zwei Dritteln aus Wissenschaftlern, die sehr häufig selbst Befürworter von Tierversuchen sind. [4] Das letzte Drittel setzt sich aus Tierschützern zusammen, die die Genehmigung jedoch häufig nicht verhindern können.

Zudem bezieht sich das Tierschutzgesetz nur auf Wirbeltiere, Kopffüßler und höher entwickelte Krebse. Tierversuche an wirbellosen Tieren (zum Beispiel Insekten, Schnecken oder Würmern) sind mit dem Tierschutzgesetz nicht erfasst.

Fazit

Wir befürworten den Verzicht auf Tierversuche, wo immer es möglich ist, und erwarten von Pharmafirmen und Wissenschaftlern, dass sie noch stärker als heute schon hinterfragen, wo alternative Möglichkeiten ähnliche Ergebnisse bringen. Wir hoffen, dass in naher Zukunft komplett auf Tierversuche verzichtet werden kann.

Quellennachweise