Was ist eine Anamnese?

Unter Anamnese versteht man grundsätzlich die Informationsaufnahme durch eine heilbehandelnde Person gegenüber einem Patienten. Diese Person kann ein Arzt, eine Pflegeperson oder ein anderer in einem Heilberuf tätiger Mensch sein. In vielen medizinischen Bereichen wird beim Erstkontakt eine ausführliche Anamnese durchgeführt.

Die bekannteste Form ist die Anamnese durch einen Arzt bzw. einer Ärztin. Ein klassisches Beispiel hierfür ist das Aufnahmegespräch mit einem neuen Patienten bzw. einer neuen Patientin auf einer Krankenhausstation, aber auch das Besprechen des ärztlichen Fragebogens mit einem Hausarzt, zu dem der Patient das erste Mal in die Sprechstunde kommt.

Die Anamnese ist grundsätzlich keine einmalige Angelegenheit, sondern wird vom Arzt bei jeder Veränderung der Situation des Patienten erweitert. Jeder Kontakt mit dem Arzt schließt im Prinzip eine Anamnese ein – sie findet jedes Mal statt, wenn dieser den Patienten etwas fragt, es notiert und verarbeitet. Im klinischen Gebrauch wird „Anamnese“ deshalb synonym mit „Patientengespräch“ verwendet.

Anamnese - der Arzt sollte sich alle relevanten Daten notieren

Anamnese – der Arzt sollte sich alle relevanten Daten notieren

Im weitesten Sinne bedeutet Anamnese, dass sämtliche über den Patienten verfügbaren Informationen gesammelt und in für die klinischen bzw. behandlungsmäßigen Abläufe sortiert werden. Dazu gehören zunächst alle Informationen, die der Patient selbst im Gespräch erörtert und alle Daten, die er mitbringt oder die über ihn gefunden werden können. Das sind

  • Krankenakte,
  • Arztbriefe,
  • Gutachten,
  • Befunde oder auch die
  • Fremdeinschätzung durch ein Familienmitglied.

Alle diese Dinge sind für den behandelnden Arzt wichtig.

Begriffsmäßig unterscheidet man zwischen Eigen- und Fremdanamnese. Erstere stellt die Informationsgabe durch den Patienten selbst dar, während zu letzterer Beiträge durch ärztliche oder andere Kollegen gehören.

Kommunikation zwischen Arzt und Patient

Der entscheidende Teil der Anamnese für den Arzt ist nicht unbedingt, sich um die Auswertung eines Stapels an Unterlagen zu kümmern, sondern im Gespräch gezielte Fragen zu stellen. Denn nur so können Lücken in der Historie gefüllt werden, mit dem Ziel, dass später auf eine aussagekräftige Differenzialdiagnose (genaue Beschreibung des Krankheitsbildes) hingearbeitet werden kann. Hierbei ist eine gute Kommunikation extrem wichtig.

Was bedeutet das aber in der Praxis? Eine gute Kommunikation bedeutet, dass vor allem ausreichend Zeit eingeplant werden muss. Viele Patienten haben beim Gespräch mit dem behandelnden Arzt – und zwar egal in welchem Bereich – das Gefühl, verbal zu kurz zu kommen und ihre Anliegen kaum vortragen zu können.

Dieses Problem liegt aber keineswegs nur in der begrenzten Zeit der Ärzte begründet, sondern durchaus auch in der Kommunikationsfähigkeit der Patienten. Der Laie kann oft kaum einschätzen, was für die Diagnose letztlich wichtig sein wird. Der Arzt hingegen möchte nicht alle Details hören und bereits nach dem ersten Gespräch eine grobe Orientierung geben können: Welche Diagnostik steht als nächstes an? Was sind mögliche Verdachtsdiagnosen?

Antworten auf diese Fragen wiederum erwartet der Patient auch von seinem Arzt und möchte diesen so möglichst mit allen Details versorgen, die ihm einfallen – das ergibt nicht selten eine zeitlich und thematisch recht unsortierte Assoziationskette an spontanen Einfällen. Manche Patienten bringen sogar ein penibel geführtes Diagnosenheft mit – leider oft wenig hilfreich, da für einen Chirurgen die Bindehautentzündung vor 10 Jahren eher wenig Relevanz haben wird. Kommunikationsschwierigkeiten, das steht also fest, bestehen nicht unbedingt auf einer der beiden Seiten – sie manifestieren sich vielmehr irgendwo zwischen Arzt und Patient. Deshalb müssen beide einige Grundregeln beachten. Insbesondere bei der Erstanamnese durch einen Arzt, dem noch keine oder nur wenige Unterlagen vorliegen, können diese sehr hilfreich sein.

Die relevanten Inhalte bei der Anamnese

Was ist wichtig für den Arzt?

  • aktiv und respektvoll zuhören
  • gezielte Fragen stellen
  • den Patienten durch das Gespräch führen und ggf. unterbrechen, um auf wichtige Fragen zurück zu kommen
  • keine Suggestivfragen stellen, um Fehldiagnosen zu vermeiden
  • einen Ausblick geben, soweit möglich

Was ist wichtig für den Patienten bzw. die Patientin?

  • einige wichtige Fragen vorher notieren und darauf zurückkommen
  • sich die eigenen Beschwerden klar machen und ggf. vorab notieren
  • während des Gesprächs dem Arzt klar zu erkennen geben, ob ein Ablauf verstanden wurde – so geht das Gespräch zügig voran
  • sehr ausführliche Detailfragen besser für ein Folgegespräch aufheben

„Wie ein gutes Gespräch“ – so läuft die ideale Anamnese

Eine gute Anamnese verläuft idealerweise nach einem konkreten Schema. Viele Kliniken haben bspw. eigene Leitfäden und sogenannte Anamnesebögen, die vorgefertigte Kriterien für die Anamnese geben. So werden verschiedene Punkte abgearbeitet, etwa:

  • persönliche Daten wie Anschrift, Kontakt zum weiterbehandelnden Arzt oder Geburtsdaten
  • allgemeine Konstitution des Patienten: Gewichtsprobleme, Atemsituation, Herz-Kreislauf-Situation, körperliche Belastbarkeit, Probleme des Bewegungsapparates (Knochen- und Muskelleiden)
  • aktuelles Beschwerdebild, welches die Motivation für die Einweisung/Überweisung/den Arztbesuch darstellt sowie Behandlungswunsch bzw. Therapieauftrag an den Arzt
  • relevante Vorerkrankungen für die aktuelle Behandlungssituation
  • beeinflussende von Kollegen gestellte Verdachtsdiagnosen
  • relevante Allergien, Medikamenten- und Nahrungsmittelunverträglichkeiten
  • ggf. psychosoziale Situation bzw. psychisches Wohlbefinden oder Feststellung einer besonderen Belastungssituation
  • aktuell verordnete bzw. selbstständig eingenommene Medikamente
  • Genussmittelkonsum (Alkohol, Zigaretten)

Idealerweise werden diese Punkte im Laufe des Gesprächs abgearbeitet. Insbesondere wichtig – neben dem Grund für die Neuvorstellung mit Beschreibung der aktuellen Beschwerden – sind relevante Vorerkrankungen, Konstitution und Medikation.

Ein Patientengespräch auf Augenhöhe baut Barrieren ab und erleichtert die Diagnose!

Ein Patientengespräch auf Augenhöhe baut Barrieren ab und erleichtert die Diagnose!

Keine falsche Scheu: Intime oder unangenehme Dinge müssen angesprochen werden!

Auch Dinge, die dem Patienten in erster Linie als seltsame Ausfragerei in Erscheinung treten, können für den Arzt wichtig sein. So fragen viele Bögen auch nach dem Beruf oder der Menge konsumierter Zigaretten. Doch solche Informationen können wichtig sein. Beispielsweise spielt der Zigarettenkonsum für die Berechnung der Menge von Narkosemitteln eine wichtige Rolle. Der Beruf ist zwar weniger relevant für die Behandlung, sagt aber auch etwas darüber aus, wie gut ein Patient sozial integriert ist.

Man denke auch an psychosoziale Aspekte und daran, wie etwa im Fall der nötigen Nachbehandlung nach einem chirurgischen Eingriff die häusliche Versorgung aussehen sollte. All dies bedenkt der Arzt oft schon beim ersten Gespräch, gerade im klinischen Bereich. Ist der Patient hier offen, können hilfreiche Maßnahmen eher getroffen werden, wie etwa die Unterstützung älterer Patienten nach Entlassung durch einen Sozialdienst.

Damit wäre klar: Ehrlichkeit ist eine sehr wichtige Grundlage für ein gutes Anamnesegespräch.

Entgegen der Auffassung, dass Patienten durch Unwissen geschützt werden mögen, zeigt sich heute, dass aufgeklärte, ehrlich behandelte Patienten eine bessere Prognose, weniger Schmerzen und ein allgemein höheres Wohlbefinden haben. Diese Erkenntnisse dürfen nicht vernachlässigt werden.

Kann man Techniken für eine gute Anamnese lernen?

Natürlich ist nicht jeder Arzt bzw. jede Ärztin ein perfekter, gut geübter Gesprächspartner und insbesondere aufgrund der oft knapp bemessenen Zeit ist es häufig so, dass die Gespräche kurz und eher zielorientiert als patientenorientiert durchgeführt werden:

  1. Wo liegt das Problem?
  2. Welche Untersuchungen müssen gemacht werden?
  3. Erste Verdachtsdiagnose
  4. Fertig

Die Kürze dieser Sache wird nicht unbedingt besser im Laufe der Zeit. Jedoch können Ärzte lernen, in der wenigen Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, besser auf die Patienten einzugehen. Es ist durchaus möglich, einem Menschen auch im ersten Gespräch etwas Sicherheit mitzugeben, auch wenn man noch nicht viel über ihn weiß.

Eine gute Anamnese zu machen lernt ein Arzt vor allem mit der Zeit, durch viel Übung und durch Abschauen von seinen Kollegen. Dem Arzt muss klar werden, welche Fragen für die in seinem Arbeitsbereich häufigsten Diagnosen am wichtigsten sind, welche er zu allererst abklären muss. Auch muss er lernen, gezielt vorschnelle Verdachtsdiagnosen zu vermeiden und die vielen anfänglich gesammelten Informationen nach Relevanz zu sortieren. Hilfreich hierbei können Klinikleitfäden und klinische Arbeitsbücher sein, auch wenn diese die Erfahrung im Alltag mit dem Patienten nicht ersetzen.

Letztlich darf auch nicht vergessen werden, dass jeder Mensch individuell ist. Es gibt Patienten, denen ein kurzes und knappes Gespräch recht ist und denen es nur darauf ankommt, sich in kompetenter Behandlung zu wissen. Andere wiederum wollen gleich beim ersten Gespräch viele Details zu Verdachtsdiagnosen und Therapieausblick hören, um sich aufgehoben und verstanden zu fühlen. Auf diese individuellen Wünsche sollte der Arzt bzw. die Ärztin eingehen. Im Zweifelsfall hilft der Grundsatz „einfach fragen“.

Eine gute Anamnese, das lässt sich abschließend sagen, ist nicht die Sammlung aller nur irgendwie erreichbaren Informationen. Es ist die geordnete Aufnahme der relevanten Informationen über einen Patienten, zusammen mit dem Patienten.

Bilquelle: Bigstock