Dünn, dünner, am schönsten – so lässt sich das heutige Schönheitsideal am kürzesten beschreiben. Klapperdürre Laufstegmodels und knochige Schauspielerinnen werden von vielen jungen Mädchen bewundert. Oft eifern diese ihren Vorbildern nach und versuchen, durch Hungern eine ähnliche Figur zu erreichen. Das kann schlimme Folgen haben und in einer Essstörung wie der Magersucht enden.

Was ist Magersucht?

Magersucht ist eine krankhafte Essstörung, bei der die Betroffenen zwanghaft versuchen, ihr Körpergewicht möglichst stark zu reduzieren. In der medizinischen Fachsprache wird die Krankheit auch als Anorexie oder Anorexia nervosa bezeichnet. Anorexie stammt aus dem lateinischen und bedeutet eigentlich „Appetitverlust“. Dieser Begriff ist etwas irreführend, weil Magersüchtige eigentlich nicht unter mangelnden Appetit leiden, sondern unter einem krankhaften Essverhalten, bei dem sie sich den Appetit selbst verbieten. Durch den Zusatz nervosa wird auf die psychischen Auslöser der Krankheit hingewiesen.

Magersucht betrifft vor allem Frauen

Es sind 10-mal mehr Frauen als Männer betroffen. Meist beginnt eine Anorexia nervosa bei jungen Mädchen in der Pubertät, die durch Hungern versuchen, einen möglichst großen Gewichtsverlust herbeizuführen. Jedoch steigt die Zahl der Erkrankungen auch bei Männern an. Anorexia nervosa ist keine neue Krankheit. Sie wurde bereit 1873 von Ärzten beschrieben. Allerdings ist seit den 1970er Jahren ein Anstieg der Diagnosen feststellbar. Es ist jedoch nicht sicher, ob das an einer Häufung der Krankheitsfälle liegt, oder ob diesen lediglich mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Denn gleich nach Depressionen ist die Magersucht die am häufigsten medial thematisierte psychische Störung.

Wie entsteht Magersucht?

Meistens gibt es nicht nur einen einzigen Auslöser für Magersucht. In Fachkreisen geht man davon aus, dass die Ursache fast immer ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren ist. Psychische und gesellschaftliche Einflüsse spielen bei der Entstehung einer Anorexia nervosa gleichermaßen eine Rolle. Eine Grundvoraussetzung, um eine Magersucht entwickeln zu können, ist jedoch eine Disposition für Essstörungen. Diese kann verschiedene Gründe haben, manchmal ist sie erblich bedingt oder sie wird durch bestimmte biologische oder soziale Einflüsse hervorgerufen. Sehr häufig sind psychische Probleme ein Auslöser der Magersucht. Besonders oft sind Kinder, vor allem Mädchen, während der Pubertät betroffen. Sie befinden sich in einer schwierigen Entwicklungsphase, in der sie in ihre neue Identität erst hineinfinden müssen. Der Körper verändert sich, wird runder, weiblicher. Die Anforderungen an die eigene Person wachsen. Das kann dazu führen, dass sich Gefühle der Überforderung und der Unzulänglichkeit einstellen. Viele Mädchen fühlen sich in dieser Phase extrem unsicher und orientierungslos. In dem sie ihre Nahrungszufuhr einschränken und so eine starke Gewichtsabnahme herbeiführen, erlangen sie das Gefühl der Kontrolle in ihrem Leben zurück. Wenn sie auch nicht die äußeren Entwicklungen beeinflussen können, so haben sie immerhin die Macht über ihren Körper.

Die heutige Gesellschaft fördert Essstörungen wie Magersucht

Ebenso ist es möglich, dass gesellschaftliche Faktoren eine Magersucht auslösen. Wir leben heute in einer Überflussgesellschaft, das durchschnittliche Körpergewicht steigt immer mehr an. Gleichzeitig hat sich seit den 1960er Jahren ein Schönheitsideal entwickelt, das statt auf weibliche Kurven auf extreme Schlankheit setzt. Stilbildend hierfür war zum Beispiel das bekannte und spindeldürre Model „Twiggy“ („twig“ ist der englische Begriff für „dünner Zweig“), die mit ihrer mageren Figur zur Stilikone der Swinging Sixties wurde. Gelten übergewichtige Männer seit jeher als stattlich, wird bei Frauen meist das abwertende Wort „fett“ verwendet. Die Medien suggerieren, nur gertenschlanke Frauen seien schön und erfolgreich. Bei Mädchen, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben, kann dies eine starke Verunsicherung auslösen. Mit der Gewichtsreduktion versuchen sie, dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen und erhoffen sich dadurch Glück und Erfolg.

Schwierige Verhätnisse in der Familie sind oft ein Auslöser

Auch familiäre Gründe können zu einer Anorexia nervosa führen. Viele Betroffene wachsen in Familien auf, die sie übermäßig beschützen, zu viel von ihnen verlangen oder in denen es große Probleme gibt (etwa Scheidung der Eltern, sexueller Missbrauch). Konflikte werden nicht offen ausgetragen, falsche Verhaltensmuster erlernt. Für die Kinder ist es in solchen Fällen immer schwierig, eine eigene Identität mit gesunden Problemlösungsstrategien zu entwickeln. Die Magersucht kann hier eine Flucht vor dem Erwachsenwerden darstellen. Anfällig für eine Erkrankung können darüber hinaus auch bestimmte Berufsgruppen sein, bei denen der schlanke Körper im Mittelpunkt steht. Bekannt ist diese Problematik zum Beispiel bei Balletttänzerinnen oder Turnerinnen. Aber auch Langstreckenläufer oder Boxer, die eine bestimmte Gewichtsklasse erfüllen müssen, können gefährdet sein, eine Essstörung bis hin zur Magersucht zu entwickeln.

Wieso sehen sich Magersüchtige anders, als sie sind?

Magersüchtige haben eine verschrobene Selbstwahrnehmung (Bildquelle: © RioPatuca Images - Fotolia.com)

Magersüchtige haben eine verschrobene Selbstwahrnehmung (Bildquelle: © RioPatuca Images – Fotolia.com)

Mit einer Magersucht geht immer auch eine sogenannte Köperschemastörung einher. Das bedeutet, dass sich die Betroffenen trotz vielleicht bereits stark ausgeprägten Untergewichts als dick und hässlich wahrnehmen. Sie sind nicht mehr in der Lage, ihren Körper im Spiegel so wahrzunehmen, wie er tatsächlich ist. Stattdessen sehen sie überall Fettpolster und „dicke Stellen“, die durch weiteres Abnehmen eliminiert werden müssen. Selbst wenn Außenstehende vor der knochigen Erscheinung erschrecken und die Magersüchtige darauf ansprechen, gesteht sich diese die Krankheit nicht ein. Magersucht beherrscht das Denken der Erkrankten. Obwohl sie nichts essen, kreisen ihre Gedanken meist den ganzen Tag um Ernährung, Aussehen und Körpergewicht. Ihr Selbstwertgefühl hängt stark von ihrem Erscheinungsbild ab. Die meisten Magersüchtigen sind auch in anderen Lebensbereichen sehr kontrolliert. So sind zum Beispiel die Schulnoten oft sehr gut und das Zimmer pingelig aufgeräumt. Viele Magersüchtige sind am Anfang extrem euphorisch und fühlen sich so stark, als könnten sie die Welt erobern. Jedes abgenommene Kilo gibt ihnen Kraft. Nicht selten machen Magersüchtige exzessiv Sport oder gehen anderen körperlichen Betätigungen nach. Im Laufe der Erkrankung ziehen sich die Magersüchtigen jedoch immer mehr aus der Gemeinschaft zurück. Einerseits, weil sie ihre mittlerweile drastische Abnahme und ihre Essensverweigerung verheimlichen wollen. Andererseits aber auch, weil sie durch das ständige Hungern depressiv werden. Viele Magersüchtige sind verzweifelt und haben Selbstmordgedanken.

Welche Symptome sind eindeutig für Magersucht?

Es gibt einige eindeutige Symptome für Magersucht, die zur Diagnosestellung beim Arzt herangezogen werden

  • Der Body-Mass-Index beträgt nur noch 17,5 oder weniger. Das tatsächliche Körpergewicht liegt mindestens 15 Prozent unter dem eigentlich erwarteten Gewicht
  • Der Gewichtsverlust ist durch Nahrungsvermeidung selbst herbeigeführt. Hier wird zwischen zwei Typen der Magersucht unterschieden. Der restriktive Typus ist durch den bloßen Verzicht auf Nahrung (vor allem hochkalorischer) geprägt. Der Purging Typus verwendet zusätzliche Maßnahmen zur Gewichtsabnahme, etwa Abführmittel, Entwässerungstabletten oder selbst herbeigeführtes Erbrechen
  • Die Betroffenen haben starke Angst vor einer Gewichtszunahme
  • Es liegt eine Körperschemastörung vor. Das heißt vor allem, dass die Krankheit verleugnet wird und dass sie einen übergroßen Einfluss auf das Selbstwertgefühl ausübt
  • Es entstehen endokrine Störungen, wie etwa eine ausbleibende Regelblutung bei Frauen oder Libido- und Potenzverlust bei Männern
  • Tritt die Magersucht sehr früh auf, kann die pubertäre Entwicklung gestört sein

Wie verläuft die Magersucht?

Eine Magersucht beginnt häufig schleichend. Manchmal steht eine Fastenkur am Anfang, manchmal versuchen Betroffene auch nur, bestimmte Lebensmittel wie zum Beispiel Süßigkeiten wegzulassen. Den Sieg über das Hungergefühl und das Körpergewicht erfahren viele Magersüchtige aber dann schon bald als Triumph. Sie werden süchtig danach, ähnlich einem Alkohol- oder Drogenabhängigen. Trotzdem gibt es keinen strikten Verlaufsplan einer Magersucht. Sie nimmt immer einen individuellen Verlauf, der sich lediglich über kurze Episoden, Jahre, oder sogar Jahrzehnte erstrecken kann. Oft haben Betroffene über all die Jahre starke Gewichtsschwankungen, Phasen mit einigermaßen normaler Nahrungszufuhr wechseln sich mit einem extremen Hungern ab. Grundsätzlich lässt sich eine Magersucht, die früh einsetzt, besser behandeln. Ausschlaggebend für den Behandlungserfolg ist auch das Gewicht: je tiefer es bereits gesunken ist, desto schwerer lässt sich die Krankheit besiegen.

Der Psychologe Prochaska unterscheidet folgende Stadien einer Magersucht

  • In einer ersten Phase der Magersucht sind die Erkrankten euphorisch und verleugnen ihre Essstörung. Sie nehmen ab, treiben viel Sport und denken an nichts anderes als an Essen, Gewicht und ihr Erscheinungsbild. Sie erkennen kein Problem bei diesem Verhalten
  • In einer zweiten Phase gestehen sie sich ein, dass sie an einem gestörten Essverhalten leiden, wollen sich aber nicht helfen lassen. Ganz im Sinne: „Mein Körper geht dich nichts an!“
  • In einer dritten Phase sind Erkrankte hin- und hergerissen. Irgendwie möchten sie die Krankheit loswerden, aber irgendwie auch nicht. Sie haben Angst, dadurch Sicherheit und Kontrolle über ihr Leben zu verlieren, wissen aber auch, dass ihnen ihr Verhalten schadet
  • In einer vierten Phase ist der Betroffene bereit, der Krankheit den Kampf anzusagen. Zu stark ist mittlerweile der Leidensdruck. Doch in den allerwenigsten Fällen kann sich der Magersüchtige noch alleine kurieren. Zu tief hat die Krankheit seine Denk- und Verhaltensmuster bereits geprägt. Therapeutische Hilfe ist auf jeden Fall anzuraten!
  • In einer fünften Phase stabilisiert sich das Gewicht und die Magersucht soll langfristig aus dem Leben verschwinden. Häufig kommt es jedoch zu Rückfällen, die immer wieder neue Herausforderungen darstellen

Sobald eine Anorexia nervosa länger als ein paar Wochen andauert, kann es schon schwierig sein, alleine wieder herauszukommen. Spätestens bei lebensbedrohlichem Untergewicht erfolgt eine Zwangseinweisung in die Klinik. Eine Zwangseinweisung bedeutet allerdings nicht, dass die Patientin bereits ihre Krankheit bekämpfen will. Es kann gut sein, dass sie sich noch in Phase eins oder zwei befindet, was eine Therapie sehr schwierig macht.

Wie kann Magersucht therapiert werden?

Es gibt drei gängige Möglichkeiten, eine Magersucht zu behandeln:

  1. Klinikaufenthalt
  2. Tagesklinik
  3. ambulante Therapie

Oft vermischen sich diese Therapieformen auch im Laufe einer Behandlung, da diese sehr langwierig sein kann (Monate bis Jahre). Ein stationärer Klinikaufenthalt erfolgt vor allem bei einem extremen Untergewicht, massiven körperlichen Schäden oder Selbstmordgefährdung. Doch auch nach einem Klinikaufenthalt kann eine jahrelange begleitende Psychotherapie nötig sein, um die dahinterliegenden psychologischen Ursachen einer Anorexia nervosa zu therapieren. Oberste Priorität am Anfang einer Behandlung hat stets die Gewichtszunahme und die Behandlung körperlicher Krankheitserscheinungen. Falls eine Betroffene nicht mehr selbst essen kann oder will, erfolgt die Nährstoffzufuhr über Infusionen oder über eine Magensonde. Im weiteren Verlauf muss dann ein gesundes Essverhalten erlernt werden. Dieser Prozess kann sehr mühsam sein und wird durch individuelle Essenspläne begleitet. Erst wenn die körperlichen Mangelzustände einigermaßen behoben sind, wird auch an der Körperschemastörung und den psychischen Konflikten gearbeitet. Hier kommt oft Verhaltens- und Bewegungstherapie zum Einsatz, um ein besseres Gefühl für sich selbst zu entwickeln.

Was können die Folgen der Magersucht sein?

Eine Magersucht ist keineswegs auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Essstörung stellt eine schwerwiegende Erkrankung dar, die weitreichende Folgen für die Gesundheit haben kann. Eine Magersucht kann zu Hormonstörungen bis hin zur Unfruchtbarkeit führen. Beschwerden wie Haarausfall, übermäßige Körperbehaarung (sogenannte Lanugo-Behaarung aufgrund von Nährstoffmangel), erhöhte Infektanfälligkeit sowie ständiger Schwindel sind keine Seltenheit.

Durch die Mangelernährung kann der gesamte Organismus schwere Störungen erleiden

  • Fehlende Elektrolyte im Blut, Unterzuckerung, Blutarmut
  • Knochenbrüche durch Osteoporose
  • Herzrhythmusstörungen, niedriger Blutdruck, verlangsamter Herzschlag
  • Verdauungsstörungen, Verstopfung, Nierenleiden, Magenbeschwerden, Ödeme

Je länger die Krankheit unbehandelt bleibt, desto eher können die Schäden irreversibel werden und die Gesundheit langfristige einschränken. Eine Magersucht verläuft in bis zu 20 Prozent der Fälle tödlich! Schuld daran sind medizinische Komplikationen wie etwa plötzlicher Herztod oder Nierenversagen. Aber auch die Selbstmordrate unter Magersüchtigen ist sehr hoch, da viele von ihnen hochgradig depressiv sind.

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