Wer plötzlich im öffentlichen Raum mit einem Menschen konfrontiert ist, der in aggressiver Weise obszöne Äußerungen von sich gibt, hält diesen in der Regel für betrunken oder anderweitig berauscht. Nur wenige kommen auf den Gedanken, dass diese Person unter dem Tourette-Syndrom leiden könnte.

Bekannt ist diese neuro-psychiatrische Erkrankung seit 1885. Damals beschrieb der französische Nervenarzt Gilles de la Tourette die Symptomatik des nach ihm benannten Tourette-Syndroms, an dem in Deutschland geschätzt 40.000 Menschen leiden. Die Zahl dürfte jedoch höher sein, da sich bei vielen Betroffenen die Symptome nur in leichten Tics zeigen. Da die Erkrankten oftmals keinen Arzt konsultieren, tauchen sie auch in keiner Statistik auf. Männer sind bei der Erkrankung, die bereits zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr ausbricht, drei- bis viermal häufiger betroffen. In diesem Lebensalter sind es vor allem Bewegungs-Tics beziehungsweise Muskelzuckungen, die die Erkrankung sichtbar machen. Etwa ab dem elften Jahr kommen noch die sogenannten vokalen Tics, also die unkontrollierten Lautäußerungen hinzu.

Genaue Ursache des Tourette-Syndroms nicht vollständig geklärt

Die genaue Ursache des Tourette-Syndroms ist bis heute nicht vollständig geklärt. Allgemein gehen die Wissenschaftler von einem Defizit der Funktion des Gehirns aus. Es existieren unterschiedliche Theorien. Eine davon sieht als Erklärungsansatz den Grund für das Tourette-Syndrom in einer erblich bedingten Vorbelastung. Verschiede Zwillingsstudien weisen zumindest daraufhin, dass erbliche Faktoren nicht ausgeschlossen werden können.

Typische Tics des Tourette-Syndroms

Im Gegensatz zu den Ursachen gibt es innerhalb der Wissenschaft keine strittige Auffassungen über die Symptome der Erkrankung. Die typischen Tics sind eindeutig definiert. Neben den unkontrollierten Äußerungen in der Öffentlichkeit zählen weitere Tics dazu, die von Experten in zwei Kategorien eingeteilt werden. Das sind zum einen die „einfachen“ Tics, die ausschließlich von den Muskelgruppen ausgehen. Zu diesen motorischen Tics zählen:

  • Augenblinzeln
  • Unkontrollierte Bewegungen mit dem Kopf
  • Zuckungen mit der Schulter
  • Grimassen schneiden
  • Zuckungen mit dem Mund
  • Auffälliges Rümpfen der Nase

Bekannte stimmliche Tics sind unter anderem:

  • Räuspern
  • Hüsteln
  • Zungenschnalzen
  • Das Nachahmen von Tierlauten und Vogelstimmen

Zum anderen ist von den komplexen Tics die Rede, die in ihrer sichtbaren Ausprägung langsamer verlaufen. Außenstehende gewinnen dabei schnell den Eindruck, der Erkrankte würde die Tics bewusst einsetzen. Diese Einschätzung ist falsch, denn die Tics sind stets unwillkürlich und für den Patienten nicht steuerbar. Als komplexe motorische Tics werden bezeichnet:

  • Das Berühren von Gegenständen und Personen
  • Das Zupfen an der Kleidung
  • Unkontrolliertes Springen und Stampfen
  • Das Spielen mit den Haaren
  • Stark ausgeprägtes Grimassieren
  • Die Bewegungen von anderen Personen nachahmen
  • Obszöne Gesten zeigen
  • In die Hocke gehen und das Verdrehen des Körpers

Manchmal gesellt sich zu den genannten motorischen Tics noch ein Verhalten dazu, bei dem der Erkrankte sich selbst verletzt. Er schlägt oder kneift sich zum Beispiel. Weitere typische Symptome des Krankheitsbildes sind die komplexen stimmlichen Tics wie ein stakkatohaftes Herausschleudern von Worten während einer Unterhaltung. Die Worte sind in kurzen Sätzen gekleidet und stehen in der Regel in keinem Zusammenhang mit dem Gesprächsthema. Das Ausstoßen von obszönen, sinnlosen und unflätigen Worten, die in beschimpfender Art gebraucht werden. Auch das Wiederholen von gerade gehörten Worten oder Lauten gehört zu den stimmlichen Tics beim Tourette-Syndrom.

Keine eingeschränkte geistige Leistungsfähigkeit

Der Erkrankte, so das Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen, ist nicht eingeschränkt in seiner geistigen Leistungsfähigkeit. Das schließt allerdings nichts aus, dass die Tics im Alltag sowohl in der Schule als auch im Beruf den Betroffenen Probleme beim Lernen bereiten. Wenn zudem das Umfeld des Patienten nicht oder nicht ausreichend über die Erkrankung informiert ist, hat das für den Erkrankten schwerwiegende soziale Auswirkungen. Die Reaktionen auf die Tics reichen von Unverständnis bis hin zu Empörung, wenn ein am Tourette-Patient zum Beispiel eine Beleidigung ausspricht.

Ausgrenzung und Rückzug sind gleichermaßen die Folgen. Dabei wird dieses Verhalten nicht selten auch auf die Familie des Erkrankten übertragen. Sowohl der Patient als auch sein privates Umfeld werden sozial isoliert. Den Eltern wird empfohlen, ihrem Kind das Gefühl zu vermitteln, dass es trotzdem geliebt wird. Ermahnungen oder Strafandrohungen sind sinnlos, wenn das Kind oder der Jugendliche Schimpfwörter ausstößt oder Tierlaute nachahmt.

Wenn es gelingt, die Tics im Alltag weitgehend zu ignorieren, ist dem Patienten am besten geholfen. In der Schule wird das Kind jedoch die Erfahrung machen, dass es von den Mitschülern ausgelacht oder gar beschimpft wird. Die Eltern unterstützen ihr Kind, wenn sie über derartige Vorfälle offen mit ihm reden. Ein Patentrezept gibt es nicht. Auch ein aufklärendes Gespräch mit dem Lehrer und den Mitschülern kann hilfreich sein. Trotzdem ist die Erkrankung eine schwere Belastung sowohl für den Patienten als auch für alle anderen Beteiligten. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass am Tourette-Syndrom Erkrankte zum Beispiel über eine gute Reaktionsfähigkeit und ein rasches Auffassungsvermögen verfügen.

Kann die Krankheit geheilt werden?

Die Tics lassen sich bestenfalls lindern. Eine erfolgversprechende Behandlung gibt es bislang nicht. Die therapeutischen Maßnahmen richten sich nach der Ausprägung der Erkrankung. Bei leichten Stimm- und Bewegungs-Tics wird sogar von einer Therapie abgeraten. Hier sollte es nach Einschätzung von Experten genügen, wenn dem Patienten der „gutartige Charakter“ dieser leichten Abweichungen erklärt wird. Beim mittelschweren Tourette-Syndrom versprechen Verhaltens- und Entspannungstherapien eine Besserung. Dabei geht es in erster Linie darum, Stresssituationen zu erkennen, die Auslöser der Tics sind.

Wenn der Patient gelernt hat, mit Stress umzugehen, werden die Tics trotzdem nicht ausbleiben. Aber er es gelingt ihm eventuell so viel Selbstkontrolle aufzubauen, dass er besonders unangenehme Tics durch solche ersetzen kann, die weniger Aufsehen erregen. Extrem stark ausgeprägte Tics sind nur über eine medikamentöse Behandlung zu reduzieren. Psychotrope Arzneimittel wirken auf das zentrale Nervensystem des Tourette-Patienten und können dazu beitragen, die Tics zu vermindern. Unter Umständen können die Tics sogar für eine Weile völlig unterdrückt werden. Die Folge ist allerdings, dass nach dieser Phase die Tics umso heftiger auftreten. Um eine Stigmatisierung des Erkrankten zu verhindern, ist es notwendig

  • Das Tourette-Syndrom frühzeitig zu erkennen
  • Ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater)
  • Aufklärende Gespräche zu führen, mit allen, die Umgang mit dem Patienten haben
  • Sozialtherapeutischen Hilfe anzunehmen

 

 

Bildquelle:
AntonioGuillem– Bigstock®