1998 revolutionierte ein Arzneimittel die Behandlung von Potenzstörungen bei Männern: Viagra. Seither hat sich das Medikament geradezu rasend verbreitend: Millionenfach wird es jeden Tag eingenommen. Doch neben der allseits bekannten Wirksamkeit in der Behebung von Erektionsproblemen gibt es für Viagra eine Vielzahl weiterer interessanter Einsatzmöglichkeiten.

Was ist Viagra?

Der Wirkstoff des als Viagra bekannten Arzneimittels ist Sildenafil, ein Mittel aus der Gruppe der so genannten PDE-5-Hemmer. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde es als Mittel gegen Bluthochdruck getestet. Während sich Sildenafil bei Feldversuchen als Blutdrucksenker nicht bewährt hat, berichtete ein englischer Arzt von einer interessanten Nebenwirkung. Er hatte beobachtet, dass das Medikament als erektionssteigerndes Mittel Wirkung zeigt.

Wie wirkt Viagra?

Für Männer mit Erektionsstörungen (medizinisch: erektile Dysfunktion) gab es vor Viagra wenige Behandlungsmöglichkeiten. In erster Linie wurde nach psychischen Ursachen gesucht, wenn der Penis nicht steif genug wurde, um einem erfüllten Sexualleben nachzugehen. Stress im Beruf oder in der Partnerschaft oder eine allgemein ungesunde Lebensweise sollten den Erektionsschwierigkeiten zu Grunde liegen. Für die etwa sechs bis acht Millionen betroffenen Männer allein in Deutschland bedeutete das eine große Belastung. Im Zusammenhang mit Viagra wurde klar, dass die Potenzprobleme auch auf ein Problem mit der Verengung der kleinsten Blutgefäße im Penis zu tun haben. Mit Sildenafil können diese Gefäße nun gezielt erweitert werden. In 70-80 % der Fälle können Erektionsstörungen mit Sildenafil behoben werden. Viagra und entsprechende Nachahmerprodukte werden in Tablettenform hergestellt. Etwa eine Stunde vor der geplanten sexuellen Aktivität wird eine Tablette eingenommen. Die Libido selbst – das sexuelle Verlangen – wird durch Sildenafil nicht gesteigert. Das Medikament ist also kein Aphrodisiakum. Bei vorhandener sexueller Erregung unterstützt es aber die natürliche Erektion des Penis. Bei Männern mit gestörter Erektion wird sie dank Sildenafil kräftiger und dauert länger.

Generika und Schwarzhandel

Viagra ist ein Erfolgsprodukt: Bis Mitte 2013 wurden 1,8 Milliarden Tabletten Viagra an weltweit 37 Millionen Männer verschrieben. 2013 lief das Patent für das Original-Produkt Viagra von der Firma Pfizer aus. Bis dahin durfte ausschließlich Pfizer das Mittel auf den Markt bringen. Die typischen rautenförmigen blauen Pillen sind in ihrem spezifischen Erscheinungsbild überaus bekannt. Seit das Patent ausgelaufen ist, kamen einige Nachahmerprodukte mit dem gleichen Wirkstoff auf den Markt, unter anderem von Hexal und ratiopharm. Auch Pfizer selbst bietet inzwischen ein eigenes Generikum an.
Da die Kosten für den Wirkstoff Sildenafil vergleichsweise gering sind, gab und gibt es (auch schon vor Auslaufen des Patents) einen großen Schwarzmarkt für Viagra-Nachahmerprodukte. Im Internet-Versandhandel sind die Medikamente teils auch ohne Rezeptnachweis erhältlich. Wie bei allen Medikamenten aus dubiosen Quellen ist die Gefahr groß, an ein Produkt mit zu hoher oder zu niedriger bzw. ganz ohne Wirkstoffmenge zu gelangen, wenn nicht sogar an Pillen mit gesundheitsschädlichen Wirkungen.

Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Die häufigste Nebenwirkung, die mit der Einnahme von Sildenafil auftreten kann, sind Kopfschmerzen. Etwa jeder zehnte Patient, der Sildenafil einnimmt, hatte unter als rasend beschriebenen Kopfschmerzen zu leiden.
Weitere mögliche Nebenwirkungen sind unter Anderem:

  •  Gesichtsrötung
  • Magenbeschwerden
  • Schnupfen beziehungsweise verstopfte Nase
  • Sehstörungen
  • Herabsetzung der Reaktionsfähigkeit
  • Schwindel
  • Rückenschmerzen
  • Muskelschmerzen
  • Dauererektion

Um die Gefahr von Nebenwirkungen zu minimieren, sollte die Einnahme von Viagra und Nachahmerprodukten auf eine Tablette pro Tag beschränkt werden. Medienwirksam dargestellte Todesfälle standen allesamt in Zusammenhang mit Nichtbeachtung der Kontraindikationen. Viagra und seine Generika sollten nicht eingenommen werden mit nitrathaltigen Medikamenten oder Stickstoffmonoxid-Donatoren. Dabei kann es zu einem lebensbedrohlichen Blutdruckabfall kommen. Wenn nach einer Viagra-Einnahme Ohnmacht oder schockartige Zustände auftreten, sollten sofort lebensrettende Maßnahmen eingeleitet und notärztliche Hilfe geholt werden. Der Arzt muss unbedingt über die Einnahme von Viagra unterrichtet werden. Patienten mit koronarer Herzkrankheit sollten von der Einnahme absehen, wenn der dank Sildenafil erfolgreiche Geschlechtsverkehr den Kreislauf zu sehr beanspruchen würde. Impotenz kann ein frühes Anzeichen für Diabetes, ein Herzleiden und verschiedene Krebsarten sein. In diesen Fällen verschleiert die Einnahme von Sildenafil die der Impotenz zu Grunde liegenden Ursachen. So kann es zur Verzögerung notwendiger Behandlungen kommen. Vielen Männern und vielen Partnerschaften hat Sildenafil ein erfülltes Sexualleben zurückgebracht. In einigen Fällen führt die wiedererwachte Sexualität des Mannes allerdings zu einer neuen Form von Partnerschaftsproblemen: Das Zusammenleben muss sich neu einspielen, wenn der Mann plötzlich wieder zu Geschlechtsverkehr fähig ist.

Weitere Einsatzmöglichkeiten von Sildenafil

Die Popularität von Viagra regte geradezu zur Mythenbildung an. Der Wirkstoff Sildenafil ist entgegen zahlreicher Werbemails nicht dazu in der Lage, die Libido zu steigern oder den Penis zu verlängern. Auf gesunde Männer ohne Erektionsstörung hat das Medikament kaum Auswirkung. Einzig die Erholungszeit nach der Ejakulation scheint unter Einnahme von Sildenafil verkürzt zu sein. Sildenafil wird von einigen ambitionierten Hobbysportlern eingenommen in der Hoffnung, es könnte die Leistungsfähigkeit steigern. Dafür gibt es keine wissenschaftliche Grundlage. Tierversuche haben allerdings gezeigt, dass Sildenafil gegen Jetlag wirksam sein kann. Das Mittel wirkt auf jene Bereiche des Gehirns, die für die Steuerung der inneren Uhr zuständig sind. Eine weitere Einsatzmöglichkeit hat ihren Ursprung ebenfalls in der Auswirkung des Arzneimittels auf das Gehirn: Sildenafil erhöht den Blutfluss, schleust vermehrt Glukose ins Gehirn und verlangsamt den Abbau von cyclischem Guanosinmonophosphat (cGMP). Da im Alter die Produktion von cGMP stark nachlässt, könnte Sildenafil eine Therapiemöglichkeit für Alzheimer-Patienten sein. Der Einfluss von Sildenafil auf den Glukose-Stoffwechsel führte zu Forschungen über Sildenafil als Arzneimittel bei Diabetes. Während Viagra in erster Linie als Potenzmittel für Männer bekannt ist, kann es möglicherweise auch Frauen dabei helfen, schwanger zu werden beziehungsweise den Embryo zu behalten. Diese Einsatzmöglichkeiten gehen vor allem auf die durchblutungssteigernde Wirkung von Sildenafil zurück. Auch Schnittblumen kann der Wirkstoff zu mehr Standhaftigkeit verhelfen: Eine geringe Menge des Wirkstoffs in Wasser gelöst erhöht erheblich ihre Lebensdauer.

 

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