Im Laufe eines Lebens machen alle Menschen bestimmte Erfahrungen durch, die das Verhalten zum sozialen Umfeld prägen. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit Gefahren, der in der Kindheit teils durch elterliche Warnungen und zum weitaus größeren Teil durch persönliche Erfahrung entwickelt wird. Dieses Verhalten gegenüber Gefahren baut sich ein Leben lang weiter auf und hilft dem Menschen, zu überleben.

In der Evolution sind aber auch bereits bestimmte Gefahrenpotenziale festgelegt, die nicht erlernt werden müssen. So etwa die Angst vor der Dunkelheit, die bei jedem Menschen mehr oder weniger stark ausgeprägt ist. Sie basiert auf der menschlichen Entwicklung als Primat, der auf Tageslicht ausgelegt ist. Nachts sind unsere Sinne beeinträchtigt und somit bilden Nacht jagende Raubtiere eine große Gefahr. Unsere Angst und damit die lebensrettende Aufmerksamkeit steigt. Das ist nur ein Beispiel für evolutionär angelegte Ängste, die auf Verhaltensweisen in der Natur basieren. Es sind real greifbare Ängste.

Die Angst in der Psyche

Der moderne Mensch in einer industrialisierten Umwelt muss sich um nachts angreifende Löwen oder ähnliche Katzen keine Gedanken mehr machen. Trotzdem gehen unsere Nerven auf Habtachtstellung, wenn im Keller plötzlich das Licht ausfällt. Zu dieser Ur-Angst kommen heute eine Vielzahl weiterer Ängste oder Sorgen, die das Leben in einer modernen Gesellschaft mit sich bringt. Jedoch sind diese Ängste und Sorgen für eine stabile Psyche kein größeres Problem.

Doch genau hier ist der Ansatzpunkt für übertriebene Nervosität und Angstzustände zu finden. Die Psyche eines Menschen kann durch bestimmte Ereignisse oder Ereignisreihen so nachhaltig gestört werden, dass Nervosität und Angstzustände zu dauerhaften Begleitern werden. Die Möglichkeiten, die als auslösende Faktoren in Betracht kommen, umfassen praktisch jeden Lebensabschnitt in der Entwicklung eines Menschen, wodurch die Ursachenfindung extrem erschwert wird, da sich Angstzustände und Nervosität meist über einen längeren Zeitraum, durchaus mehrere Jahre, entwickeln und steigern. Dazu können zählen:

  • Veranlagung und Erziehung
  • Lebensereignisse
  • Hohe Stressbelastung
  • Extreme körperliche Selbstbeobachtung
  • Suchtmittel und Medikamente
  • Allgemeine Lebensführung
  • Schwere Erkrankungen oder Verletzungen
  • Körperliche Belastungen
  • Psychische und soziale Belastungen

Wie schon aus dieser Liste zu ersehen ist, kann die Ursachenforschung für krankhafte Nervosität und Angstzustände zu der Frage nach der Henne und dem Ei werden. Was war zuerst da? Am einfachsten scheint es zu sein, wenn ein besonders schwerwiegendes Ereignis im Leben eines Menschen stattgefunden hat, das die Normen der üblichen Lebensführung sprengt.

Soldaten, die aus einem Kriegsgebiet kommen, zeigen sehr oft die Symptome krankhafter Nervosität und Angstzustände, da die dort gemachten Erfahrungen die erlernte Norm bei Weitem übersteigen. Ein schwerer Autounfall oder eine schwere Erkrankung kann ähnliche Folgen nach sich ziehen. Aber ebenso kann eine genetische Vererbung oder eine Schilddrüsenfehlfunktion die Ursache sein genauso wie bestimmte Medikamente, etwa Trazodon, MAO-Hemmer oder Imipramin.

Die Ereigniskette bei Nervosität oder Angstzuständen

Natürlich können Unfall und Krankheit für sich alleine schon die Ursachen für Nervosität und Angstzustände sein. Meist ist es aber eine ganze Ereigniskette, die die Psyche so nachhaltig beeinträchtigen, dass daraus ein eigener Krankheitszustand wird.
So können diese schwerwiegenden Störungen in der Lebensführung weitere Benachteiligungen wie
veränderte familiäre oder soziale Beziehungen, geminderte Erwerbsfähigkeit und finanzielle Einbußen nach sich ziehen, sodass sich im Laufe der Zeit quasi ein Gesamtpaket schnürt.

Angststörung oder phobische Störung

Unter dem Begriff der Angststörung finden sich verschiedene psychische Störungen, die sich entweder in einer unspezifizierten Angst oder einer Phobie vor einem bestimmten Objekt oder einer Situation manifestiert. Diese Ängste der Psyche können sich bis hin zur Panikattacke ausbilden.

Die Ursachen für generalisierte Angststörungen, sozialen Ängsten oder Phobien sind wiederum nicht klar auszumachen. Die moderne Psychiatrie und Psychologie geht von dem Zusammenwirken oder auch Wechselwirken mehrerer Faktoren aus. Den „einen“ Auslöser gibt es folglich nicht, auch wenn gerade Patienten mit einer Phobie genau benennen können, vor was die Angst besteht. Dabei ist praktisch nichts unmöglich. Die häufigsten Phobien beziehen sich auf:

  • Spinnen
  • Hunde
  • Blut
  • Enge Räume
  • Große Höhen
  • Flugangst
  • Zahnarzt
  • Dunkle Räume
  • Urinieren auf öffentlichen Toiletten
  • Soziale Kontakte

Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird schon bei dieser kleinen Liste etwas entdecken, das Ihm oder Ihr zumindest unangenehm ist. Aber das ist Normal. Erst wenn sich diese Angst zu einem Zustand steigert, der den Mittelpunkt der Lebensführung darstellt oder die Lebensführung extrem beeinträchtigt, kann von einem echten Krankheitsbild gesprochen werden.

Arzneistoffe gegen Nervosität und Angstzustände

Aufgrund der Komplexität der Ursachen und Auswirkungen bei Angstzuständen und anhaltender Nervosität kommen verschiedene therapeutische Ansätze zum Tragen, die aber niemals für sich alleine stehen. In der Regel wenden die behandelnden Ärzte eine Mischung aus psychologischer Ursachenforschung und medikamentöser Wirkungsbekämpfung an. So zählen zu den angstlösenden Arzneistoffen:

  • Buspiron
  • Benzodiazepine
  • Neuroleptika
  • Pregabalin
  • H1-Anthihistaminika
  • Pflanzenheilkundliche Wirkstoffe

Therapieformen zur Heilung der Psyche

In der eigentlichen Therapie erfolgt die Auswahl der Behandlungsmöglichkeiten aus der Diagnostik des Patienten. Wobei die Behandlung oft auf Erfahrungswerten beruht, die bei Patienten in der Vergangenheit mit ähnlichen Symptomen und Charakteren erfolgreich war. Die Problematik in der Findung der richtigen Therapie liegt in der Vielschichtigkeit jeder Psyche. Zur Anwendung kommen je nach behandelndem Arzt und den vorhandenen Symptomen die klassische Psychotherapie, die Verhaltenstherapie, die Tiefenpsychologie sowie Entspannungsverfahren.

  • In der Psychotherapie versucht der Therapeut dem Patienten einen geregelten Umgang mit der Angst oder mit der Nervosität beizubringen. Hier besteht der Ansatz darin, dass die Angst als Teil unseres Warnsystems erhalten bleiben soll, jedoch unter der Kontrolle des Patienten und nicht umgekehrt.
  • Die Verhaltenstherapie verfolgt einen ähnlichen Ansatz, jedoch wird hier nicht rein Mental nach Ursache und Wirkung geforscht und diese dem Patienten in Gesprächen dargelegt, sondern es erfolgt die reale, aber kontrollierte Konfrontation mit den Ängsten. Die Verhaltenstherapie unterteilt sich hierbei in die therapeutische Reizüberflutung und die abgestufte Reizexposition. Die Verhaltenstherapie wird dabei oft mit der kognitiven Therapie, ein Teilbereich der Psychotherapie, kombiniert. Der Patient lernt, sich die Fehlbewertung der Situation klar zu machen.
  • Bei der Tiefenpsychologie wird davon ausgegangen, dass Nervosität und Angstzustände durch einen unbewussten Konflikt ausgelöst werden. Durch Methoden wie Tiefenentspannung und Hypnose, soweit anwendbar, soll der Konflikt aufgedeckt und durchgearbeitet werden. Praktisch wird der Konflikt des Unterbewusstseins gelöst und damit die Ursache beseitigt.
  • Entspannungsverfahren dienen hauptsächlich dazu, körperliche Symptome wie Muskelverspannungen zu lösen, um die negativen Wirkungen der Nervosität und Angstzustände zu lindern, die sich sonst durch körperliches Missbehagen verstärken. Zur Anwendung kommen hierbei autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Hypnosetherapie und Biofeedback-Methoden.

Psychosomatische Erkrankungen zeichnen sich sowohl durch ein meist lang anhaltendes Entwicklungsstadium, einen expressiven Krankheitsverlauf und eine wiederum langfristige Therapie aus. Da kann es durchaus hilfreich sein, ab einem bestimmten Therapiezeitpunkt sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Dies kann auch über das Internet erfolgen. Genauso ist es bewiesen, das körperliches Training, wenn möglich, Nervosität und Angstzustände eindämmen kann. So hat sich gezeigt, dass eine tägliche, dreißigminütige, Sportübung Angstsymptome effektiv lindern kann.

 

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