Im Laufe eines Lebens entwickelt der Mensch eine eigene Persönlichkeit. Doch was ist, wenn man merkt, dass es nicht nur eine Persönlichkeit ist, sondern mehrere? Wenn sich mitten in einem Gespräch Menschen verbal in ein Kind verwandeln. Gestik und Mimik dem eines Babys gleichen und vielleicht sogar ihre ganze Motorik versagt, sprechen Psychologen von einer multiplen Persönlichkeitsstörung – auch dissoziative Identitätsstörung genannt.

Eine multiple Persönlichkeitsstörung liegt dann vor, wenn bei einem Menschen zwei oder mehrere, scheinbar unabhängige Persönlichkeiten, temporär die Kontrolle des Körpers übernehmen können. Die Persönlichkeiten zeichnen sich durch eigene Gedanken und Gefühle aus und handeln absolut selbstständig.
Das Auftreten ist stark von Alltags-Situationen abhängig und welche emotionalen Anforderungen diese an die Personen stellen. Eine dissoziative Identitätsstörung (DI) ist eine psychische Erkrankung, die vor allem als Schutzmechanismus der Psyche agiert.

Geschichte der multiplen Persönlichkeitsstörung

Schon seit dem 19ten Jahrhundert tauchten immer wieder Fälle von dissoziativer Identitätsstörung auf, allerdings wurden sie damals noch unter Begriffen wie „Hysterie“ oder „traumatischer Neurose“ zusammengefasst.

Erst 1973 verfasste die Journalistin Flora Rheta Schreiber einen Fallbericht über „Sybill“, die das erste Mal die Erkrankung mit den Worten multiple Persönlichkeitsstörung beschrieb. Die Patientin sollte bis zu 16 unterschiedliche, eigenständige Persönlichkeiten besitzen – allerdings entpuppte sich dieser Fallbericht als fiktiv und verlor seine Glaubwürdigkeit. Auch die Psychologie betrachtete die multiple Persönlichkeitsstörung lange argwöhnisch. Doch die Aufregung die dieser Fall mit sich brachte, löste eine ganze Flutwelle an Interessierten und angeblichen Erkrankten aus. Waren vor 1973 nur 200 Fälle bekannt gewesen, so berichtete man nun von 6.000. Die Folge war, dass auch die Psychologie die multiple Persönlichkeitsstörung anerkennen musste und so nahmen sie die dissoziative Identitätsstörung in die Liste der psychischen Erkrankungen auf.

Ursachen einer multiplen Persönlichkeitsstörung

Die Ursachen einer DI liegen meist in der Kindheit verborgen. In diesem Zeitraum musste der junge Mensch sich mit vielen emotionalen Zerwürfnissen konfrontiert gesehen haben die über die normalen Belastungen in diesem Alter hinaus gehen. Diese haben dazu geführt, dass das Kind oder der Jugendliche mehrere Persönlichkeiten entwickeln musste, um mit dem emotionalen Stress umgehen zu können.

Aufgeteilt auf mehrere unterschiedliche Personen ist die emotionale Belastung erträglicher und erleichtert die Lebensumstände und den Umgang mit den traumatischen Erfahrungen. Grund für solche Stresssituationen bzw. traumatische Erlebnisse sind z.B. Kindesmisshandlungen oder ritueller Kindesmissbrauch. Meist verbinden die Opfer solcher Taten die Situation mit purer Verzweiflung, da sie scheinbar auch auf keine Hilfe hoffen konnten.

Bekannt wurden vor allem Fälle des rituellen Missbrauchs, aus den satanistischen Kulten. Meist berichteten die Opfer von stark verstörenden Riten, die unter anderem Bestandteile der Vergewaltigung oder des Mordes am eigenen Kind hatten. Darüber hinaus wurden die Kinder, die an diesen Riten teilnehmen musste, von nahestehenden Personen wie Eltern oder Großeltern dazu gezwungen. Aufgrund der daraus resultierenden fehlenden Kindheit und den traumatischen Erfahrungen kam es häufig zu Fällen der multiplen Persönlichkeitsstörung.

Begleiterscheinungen einer multiplen Persönlichkeitsstörung

In Kombination mit einer multiplen Persönlichkeitsstörung treten des Öfteren auch Suchterkrankungen in Form von Alkohol- oder Drogenmissbrauch auf. Depressionen und Angststörungen fördern das Suchtverhalten und sind ebenfalls Begleiterscheinungen einer DI. Besonders schwierig ist der Umgang mit selbstverletzendem Verhalten, was ebenfalls auftreten kann. Häufig ist es so, dass sich die psychischen Erkrankungen von einer Persönlichkeit einer Person auf die andere übertragen. Neigt die eine Persönlichkeit zu selbstverletzendem Verhalten, ängstigt das die andere. Diese Persönlichkeit wird süchtig und die Entzugserscheinungen drücken sich dann wiederum bei der dritten Persönlichkeit aus. Übrig bleibt eine Therapie mit starken Pharmazeutikern, um Teile der psychischen Folgeerscheinungen zu stoppen oder zumindest lindern zu können.

Wie stellt man fest ob ein Fall von DI vorliegt?

Die diagnostischen Kriterien für eine dissoziative Persönlichkeitsstörung sind wichtige Anhaltspunkte, um eine möglichst genaue Diagnose stellen zu können. So muss für eine multiple Persönlichkeitsstörung der Patient mindestens:

  • Über zwei oder mehr verschiedene Persönlichkeitszustände verfügen
  • Getrennte Gefühle, Gedanken, Verhaltensmuster und Erinnerungen äußern können
  • Mindestens zwei Persönlichkeitsanteile müssen temporär die Kontrolle des Körpers übernehmen können
  • Der Wechsel von einer zur anderen Persönlichkeit wird vom Erkrankten nicht wahrgenommen
  • Das Handeln einzelner kann einer vollständigen Amnesie unterliegen
  • UND: eine drogenabhängig oder organische psychische Störung muss in jedem Fall ausgeschlossen werden können

Zur Erkennung einer multiplen Persönlichkeitsstörung greift man in der Psychologie auf standardisierte Fragebögen zurück und entwickelt daraus eine Diagnose für den jeweiligen Patienten.

Zukunft und Behandlung von Patienten mit dissoziative Persönlichkeitsstörung

Die tatsächliche Behandlung von einer multiplen Persönlichkeitsstörung liegt nicht darin, die Persönlichkeiten verschwinden zu lassen, sondern zu lernen mit ihnen bzw. miteinander zu leben. Dabei liegt vor allem der Fokus auf der Bekämpfung von Folgeerscheinungen, wie Angststörungen oder Suchterkrankungen die dem Körper langfristig Schaden zufügen können.

Ein großes Problem ist allerdings dennoch, dass Menschen mit DI meist isoliert leben, schwer soziale Kontakte knüpfen können und arbeiten fast unmöglich ist. Auch der Verzehr von vielen Tabletten erschweren die Aufnahme eines normalen Jobs.

 

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