Stockholm, 1973, ein bewaffneter Mann betritt eine Bank in Stockholm. Schnell ist klar: es handelt sich hierbei um einen Überfall. 56 Menschen lässt er aus der Bank flüchten, vier Bankangestellte nimmt er sich als Geiseln. Seine Forderung sind 3 Millionen dänische Kronen und dass sein Freund aus dem Gefängnis entlassen wird. Die Polizei beschafft das Geld und den Kumpanen, doch eine Flucht scheint unmöglich aus dem umstellten Bankgebäude. Nach 131 Stunden ist alles vorbei, Gas wird in die Bank geleitet und die Kidnapper geben auf.

Aufmerksamkeit erhält dieser Fall durch das besondere Verhalten der Geiseln. Beim Verlassen der Bank schützen sie die Körper ihrer Geiselnehmer mit ihrem eigenen. Auch Jahre später besuchen sie die damaligen Täter im Gefängnis. Aus dem auffälligen Verhalten der Geiseln entstand der Name Stockholm-Syndrom.

Stockholm-Syndrom – Was ist das?

Das Stockholm-Syndrom bezeichnet eine positive Gefühlsregung von Geiseln gegenüber ihren Geiselnehmern. Meist geht eine Abneigung gegenüber der Polizei mit dem Syndrom einher. Allerdings muss die positive Gefühlsregung so gravierend sein, dass sie die Geiseln veranlasst, dass gleiche Wertesystem und die gleichen Emotionen wie die des Täters anzunehmen. Fördernd kann dabei eine starker Kontakt auf freundschaftlicher Basis sein, sowie ein gewisser Zeitraum, in dem Geisel und Geiselnehmer zusammen Zeit verbringen. Während diesem temporären Zustand kann sich ein Bündnis zwischen beiden Parteien bilden.Dies wird sogar noch gestärkt, je menschlicher der Geiselnehmer seine Geiseln behandelt. Fesselt man die Geiseln z.B. nicht, geht freundlich mit ihnen um und bedroht sie nicht, ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Verhältnisses hoch.

Dies wirkt sich fördernd auf die polizeiliche Arbeit aus, da man hier davon ausgehen kann, dass auch die Geiselnehmer eine höhere Überwindungsschwelle entwickelt haben, um überhaupt ihre Geiseln zu verletzen

Aus Berichten von Terror-Gruppen weiß man, dass es bestimmte Trainingseinheiten gibt, um Opfern bei einer Geiselnahme bewusst Angst zu machen. Durch Abwechslung aus Terror, Einschüchterung und gezielter bevorzugter Freundlichkeit Einzelner, wird versucht das Stockholm-Syndrom zu vermeiden.

Wie erklärt man sich das Stockholm-Syndrom?

Eine genaue Erklärung zum Stockholm-Syndrom gibt es nicht. Psychologische Störungen auf einen Faktor zurück zu führen ist generell ein Problem in der Psychologie. Allerdings gibt es einige Erklärungsmodelle die versuchen ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen.

In der Psychoanalyse geht man von dem Abwehrmechanismus „Regression“ aus, dies bedeutet, dass der Mensch in einen frühkindlichen Zustand zurückgesetzt wird. Bei einer Geiselnahme, bei der Angst und Stress eine große Rolle spielen, wäre eine Regression also nicht verwunderlich. Dies kann bei der Geisel dazu führen sich wie ihr frühkindliches Ich zu verhalten. Der Geiselnehmer wird dann als Bezugsperson wahrgenommen. Vorstellen kann man sich das, wie eine Eltern-Kind-Beziehung. Durchaus ist es ebenfalls möglich, dass auch der Geiselnehmer sich als Elternteil wahrnimmt und eine liebevolle, fürsorgliche Beziehung zu seinen Geiseln aufbaut.

Die Sozialpsychologie versucht das Stockholm-Syndrom anhand des Gruppenphänomens zu erklären. Je mehr der Täter menschliche Züge zulässt, desto mehr fühlt sich das Opfer auch zum Geiselnehmer hingezogen und erlebt ihn weniger als potentielle Gefahr. So wird der Zusammenhalt gestärktDie Polizei wird in vielen Stockholm-Syndrom-Fällen als feindlicher Gegenspieler angesehen, und auch dies deckt sich mit der Theorie des Gruppenphänomens. Durch das Eigen-Gruppen-Gefühl, wird die Ablehnung von Fremd-Gruppen verstärkt.

 

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