In den letzten Jahren sind weltweit Internet-Plattformen, deren Namen mit der Bezeichnung „Pro Ana“ in Verbindung stehen, deutlich im Zunehmen. In dieser verzerrten virtuellen Welt treffen sich hauptsächlich Mädchen und junge Frauen, die den Grundsatz vertreten, dass Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie keine Krankheiten, sondern einen frei gewählten Lebensstil darstellen. Für die meisten Menschen ist es völlig zu Recht unverständlich, was junge Frauen dazu treibt, die durch diese Seiten propagierte Magerkeit und den extremen, den Alltag bestimmenden Abnehmwahn so zu verherrlichen. Jedoch hat sich um diesen Pro Ana Fanatismus mittlerweile erschreckender Weise eine weltweit vernetzte Gemeinschaft darum gebildet, deren Anhänger zu einem Großteil bereit sind, diesen Grundsätzen und Vorschriften wie einer Religion zu folgen und dabei ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Verzerrte Schönheitsideale in der Modeindustrie

Magerkeit und Untergewicht erfahren seit Jahrzehnten immer wieder Aufwärtstrends und wurden in der Vergangenheit oft idealisiert und mit Schönheit und Glamour in Verbindung gebracht. Schon in den späten Sechzigerjahren war extreme Schlankheit durch Modeikonen wie das Magermodel Twiggy so angesagt, dass viele Mädchen und Frauen versuchten, diesem Körperbild nachzueifern. Der sogenannte „Heroin-Chic“, mit dem die Modebranche in den Neunzigerjahren mit präpubertären Kindfrauen wie Kate Moss polarisierte, gab den Startschuss für die Pro-Ana-Bewegung, die sich kurz vor der Jahrtausendwende in den Vereinigten Staaten etablierte und sich durch das Internet auch in Europa und Asien schnell verbreitete. Während Untergewicht und Magersucht bis dahin als ein weitgehend psychopathologisches Problem angesehen wurde, trugen vor allem Social-Media-Seiten dazu bei, dass Mädchen und Frauen weltweit durch Blogs und Internet-Plattformen dazu verleitet werden, einem Schönheitsideal nachzueifern, das schlicht und ergreifend völlig unrealistisch ist. Vor allem, seit der Heroin-Chic sich als führendes Körperkonzept in der internationalen Modewelt durchgesetzt hat, werden viele junge Frauen dazu animiert, durch Radikaldiäten ihre Idole aus den Hochglanzmagazinen nachzuahmen. Doch auch unter den Models selbst fordert das unrealistische, von den Designern verlangte Schönheitsideal immer wieder Todesfälle. In den Jahren 2006 und 2007 erlebten die Pro-Ana-Bewegung und die damit in Verbindung stehenden Internetseiten einen wahren Boom, als es weltweit unter den Nutzern zu einem Zuwachs von über 470 Prozent kam. Im Zuge einer Studie wurde herausgefunden, dass 84 Prozent aller Frauen weltweit, die sich als Mitglieder solcher Seiten registrieren, ihren täglichen Lebensmittelkonsum innerhalb kürzester Zeit um durchschnittlich 2400 Kalorien reduzieren. Eine Untersuchung dieser Seiten in Europa ergab, dass ein erheblicher Anteil der 12- bis 13-jährigen Mädchen solche Internetforen besucht hat und sogar Sechsjährige mit der Pro-Ana-Bewegung im Internet bereits in Kontakt gekommen sind. So ist es nicht verwunderlich, dass seit einigen Jahren sowohl Ärztevereinigungen als auch Kinder- und Jugendschutzorganisationen vehement fordern, dass solche Seiten verboten werden.

Das Krankheitsbild der Magersucht

Anorexia nervosa oder Magersucht ist eine Essstörung und die psychische Erkrankung mit der höchsten Mortalitätsrate überhaupt. Etwa ein Prozent aller Mädchen und Frauen im Alter zwischen 15 und 35 Jahren sind von Magersucht betroffen, in geschätzten vier bis zwanzig Prozent aller Fälle führt Anorexia nervosa zum Tod durch Organversagen. Die schweren körperlichen Komplikationen, die durch ein verzerrtes Selbstbild und die dadurch minimale Nahrungsaufnahme verursacht werden, reichen von Blutarmut, Unterzuckerung, Haarausfall, Unfruchtbarkeit bis hin zu schweren Entwicklungs- und Hormonstörungen, die sich durch Ausbleiben der Menstruation und Geschlechtsreife bemerkbar machen, was bedeutet, dass die sekundären Geschlechtsmerkmale bei Betroffenen im Teenager-Alter nicht entsprechend wachsen können. Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung kommt es zu Osteoporose und damit einer hohen Gefahr von Knochenbrüchen sowie zu Ohnmachtsanfällen, Inkontinenz und Nierenschäden. Ist eine Behandlung nicht erfolgreich, kann es zu Nierenversagen oder plötzlichem Herztod kommen. Neben genetischen Faktoren und einer hohen Beeinflussbarkeit durch von der Gesellschaft vorgelebte Schönheitsideale ist vor allem der familiäre Hintergrund der Hauptauslöser für Magersucht.

Seelische Probleme sind oft ein Auslöser von Magersucht

Die schreckliche Krankheit Magersucht wird von Pro Ana verherrlicht (Bildquelle: © deliat - Fotolia.com

Die schreckliche Krankheit Magersucht wird von Pro Ana verherrlicht (Bildquelle: © deliat – Fotolia.com

Nicht ausgetragene, latente Familienkonflikte, sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlungen oder problematische Eltern-Kind-Beziehungen können die Entstehung dieser Erkrankung fördern, die meist aus einem starken Einbruch des Selbstwertgefühls der betroffenen jungen Menschen resultiert. Die modernen Anforderungen der heutigen Gesellschaft sowie übertriebene Erwartungen der Eltern sind ebenfalls Faktoren, die junge, verwundbare Menschen dazu verleiten, den übermäßigen Druck durch übertriebenen Ehrgeiz und Streben nach Perfektionismus, die sich auf den eigenen Körper übertragen, zu kompensieren. Die Konditionierung, die in der Psyche der Betroffenen stattfindet, gestaltet sich als sehr schwer therapierbar und muss unter ganzheitlichen medizinischen und psychotherapeutischen Aspekten behandelt werden. Diese lebensbedrohliche Krankheit wird durch Pro-Ana-Internetseiten weltweit perverserweise als Mädchen Ana personifiziert und zu einem wünschenswerten, glamourösen Lifestyle-Konzept erhoben, das die Lebensqualität verbessern und Frauen dabei mit allen erdenklichen Mitteln aktiv dabei unterstützen soll, ihren Körper unsäglichen Qualen auszusetzen, um dem von der Bewegung vorgegebenen Schönheitsideal zu entsprechen.

Pro Anorexia – Pro Lebensgefahr

Eines der Kriterien, nach denen ein Arzt die Diagnose einer Magersucht stellt, ist das Verleugnen des Problems durch den Patienten oder die Patientin. An Magersucht leidende Menschen sehen oft weder, dass das Aussehen ihres Körpers nicht mehr nach ästhetischen Gesichtspunkten beurteilt werden kann, noch sind sie sich dessen bewusst, dass sie sich durch die Verweigerung von Nahrung und andere Maßnahmen einer erheblichen gesundheitlichen Gefahr aussetzen. Dieses Symptom wird von Webseiten-Betreibern der Pro-Ana-Bewegung dazu missbraucht, junge, verletzliche Frauen zu ködern und ihnen ein extremes Lebenskonzept einzutrichtern, das jenseits aller Realität liegt. Zwar geben solche Internetseiten an, Unterstützung für Betroffene von Essstörungen, die einsam sind und sich niemandem anvertrauen können, anzubieten, tatsächlich spornen sich die registrierten Nutzer aber gegenseitig an, ihr Hungerregime durchzuhalten und gegebenenfalls zu härteren Maßnahmen zu greifen. Damit werden auch die Chancen, dass von Anorexia nervosa Betroffene, die sich in solchen Foren bewegen, eine ärztliche Therapie annehmen, zusehends verschlechtert. Darüber hinaus werden auch gesunde junge Frauen, die mit solchen Seiten in Berührung kommen, dazu animiert, eine lebensbedrohliche Essstörung zu entwickeln. Obwohl sich das Prozedere, sich zu registrieren, durch langwierige Fragebögen oft mühsam gestaltet und von den Betreibern angegeben wird, dass Minderjährigen der Zutritt verwehrt wird, weiß man, dass im Internet auch ein Kind auf vielen Social-Media-Plattformen mit falschen Altersangaben Profile eröffnen kann. Ein effizienter Schutz von Kindern vor Pro Ana und damit der gefährlichen Beeinflussung durch die verzerrten Bilder und die absurden Anleitungen zur Selbstkonditionierung ist somit nicht gegeben.

 

Pro Ana verführt junge Mädchen zur Magersucht

Pro Ana verführt junge Mädchen zur Magersucht

 

Beeinflussungstaktiken der Pro-Ana-Aktivisten

Neben den üblichen unüberlegten Klischeebehauptungen, dass Männer nur dürre Frauen begehren, nur ein untergewichtiger Körper glücklich machen kann – wie Magermodel Kate Moss selbst einmal im Zuge eines Interviews behauptete – oder dass dicke Frauen keine Disziplin hätten, die sich auf solchen Webseiten häufen, lauert die große Gefahr vor allem darin, dass Pro Ana wie eine Religion aufgebaut ist, deren Regeln und Gesetze auf den unterschiedlichen Seiten im Detail aufgestellt werden und von den Nutzern strikt befolgt werden müssen. Die „zehn Gebote“, die Besucher solcher Seiten nachlesen können, befehlen unter anderem, alle zur Verfügung stehenden Maßnahmen einzusetzen, um möglichst viel Gewicht zu verlieren, sich nach dem unerlaubten Verzehr „fetter“ Speisen selbst zu bestrafen, sich Schmerz zuzufügen, um sich vom Essen abzuhalten, und die Waage als das allerwichtigste Utensil des Alltags sowie Hungern als Zeichen für Macht und Erfolg zu betrachten. Was sich für Außenstehende wie ein schlechter Scherz liest, gestaltet sich für Mitglieder dieser virtuellen Gemeinschaften als der absolute Lebensmittelpunkt.

Pro Ana bestimmt das Leben

Angespornt werden die Nutzer durch spezielle Identifikationszeichen wie Armbänder in verschiedenen Farben, die den Status und den Erfolg der Abnehmwilligen untereinander definieren. Um die Pro-Ana-„Fanprodukte“ hat sich, wie könnte es auch anders sein, bereits eine blühende Industrie entwickelt. Darüber hinaus werden auf den Seiten Tipps angeführt, wie beispielsweise mit Haarverlust und Unterernährung umgegangen werden kann oder wie die Mahlzeiten von einer empfohlenen täglichen Menge von insgesamt 400 Kalorien aufgeteilt werden sollten. Die Anhänger des Pro-Ana-Konzepts werden zudem in verschiedene Kategorien wie „Hardcore-Ana“, „Möchtegern-Ana“, „beliebte Ana“, „perfektionistische Ana“ oder „fette Ana“ unterteilt. Extremformen dieser Bewegung finden sich auf Plattformen, die sich dem „Ana till’ the end“-, also „Ana bis zum Tod“-Konzept verschrieben haben. Neben fragwürdigen Diät-Rezepten, Gedichten und Liedern über die Schönheit magerer Körper oder Kunstwerken und digital nachbearbeiteten Fotos, die Gerippe in glamourösen Posen abbilden, die die Nutzer untereinander austauschen, um sich gegenseitig weiter anzuspornen, werden auch ausgeklügelte Taktiken besprochen, wie sich die Magersucht am besten vor Familie und Umfeld verbergen lässt, beispielsweise, indem Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergien erfunden werden. Durch genaue Anleitungen, welche Abführmittel oder Brechreiz auslösenden Arzneien angewendet werden können, um die wenige Nahrung noch schneller aus dem Körper zu befördern, wird auch Medikamentenmissbrauch durch Minderjährige propagiert und gefördert. Die Inhalte mancher Pro-Ana-Seiten Seiten lesen sich wie Schauerromane, und es fällt schwer, die Motive der Mitglieder dieser abstrusen Gemeinschaften nachzuvollziehen. Im Kontext dessen, dass bereits kleine Kinder auf diese Plattformen Zugriff haben können, erscheint die Pro-Ana-Bewegung noch bedrohlicher und als ernstzunehmende Gefahr für die Gesellschaft.

Erste Maßnahmen gegen Pro Ana

Die unermüdlichen Bemühungen einiger Verbände gegen Pro Ana haben bereits erste Erfolge, wenn auch im kleinen Rahmen, gebracht. Viele Ärzte und Jungendschutzorganisationen weltweit sprechen sich öffentlich für ein gänzliches Verbot von Pro Ana aus, wie es beispielsweise im Falle der Zigaretten- und Tabakwerbung erfolgte. Das Internet-Auktionshaus eBay hat sämtliche mit Pro Ana verbundenen Artikel von der Liste der erlaubten Produkte gestrichen, Plattformen wie Yahoo, MySpace oder MSN haben gemäß ihrer ethischen Richtlinien Seiten, die Pro-Ana-Inhalte aufweisen, aus dem Netz genommen. In Frankreich kam es im Jahr 2008 zu einem Gesetzesbeschluss, um Anstiftung zur Magersucht bei Androhung hoher Geld- und langer Haftstrafen als Verbrechen anzuführen. Eine solche politische Reaktion sollte in sämtlichen Ländern, in denen die das Pro-Ana-Gedankengut verbreitenden Internetseiten zugänglich sind, in Betracht gezogen werden. Denn die „Ana bis zum Tod“-Propaganda ist nicht nur eine der absurden Überzeugungen einiger Fanatiker der Pro-Ana-Bewegung, sondern ein medizinisches Faktum, das mit allen Mitteln bekämpft werden muss

Artikel, News und Blogbeiträge zu Magersucht und Bulimie